Der lachende Vogel II,II

Logo Script_blog

Schwungvoll begann der Prior den neuen Tag. Die Gedanken der Nacht waren verflogen. Als er an Fenster trat begrüßte ihn die Dämmerung des neuen Morgens am Horizont.

„Herr, auf dich vertraue ich. In deine Hände lege ich mein Leben.“

Während des Morgengebetes rührten ihn die Worte des Responsoriums in besonderer Weise an. Wie oft hatte er sie schon gehört, gebetet, anderen zugesprochen.

Heute Morgen hatten diese Worte einen anderen Klang.

Was würde dieser Tag für ihn bringen. Noch konnte er das geplante Treffen absagen. Etwas in ihm trieb in voran. Was es war, konnte er so recht nicht sagen. Vielleicht war es einfach nur Neugier.

Als er die Kapelle nach dem Morgengebet verließ, saß der lachende Vogel auf der Bank im Garten. Er schaute ihn herausfordernd an.

„Sag nichts“, warf der Prior ihm entgegen.

„Ich bin ganz still“, entgegnete dieser.

„Schau nicht so keck!“

„Keck?“

„Ja, keck. Du siehst mich an, als wolltest du mir ins Gewissen reden.“

„Wie kommst du den darauf?! Warum sollte ich?“

„Weil ich vielleicht im Begriff bin, etwas furchtbar Dummes zu tun.“

„Das sagst du? Dies zu beurteilen steht mir nicht zu.“

„Ach, komm schon… Jetzt tue doch nicht so. Auch du wirst eine Meinung dazu haben.“

„Hier geht es doch nicht um Meinungen. Mir scheint es geht um mehr.“

„Um was denn?“

„Mir scheint, du suchst deine Quelle.“

„Quelle?!“

„Ja, das, woraus du Kraft und Energie schöpfst.“

„Aber das ist doch klar: Es ist mein Glauben.“

„Nicht mehr?!“

„Mehr? Wieso den mehr?“

„Mir scheint, dein Leben ist, wie soll ich sagen: eingedickt.“

„Eingedickt?“

„Ja. Wenn das Leben eindickt, dann bekommt die Seele Risse. Der Mensch braucht eine geschmeidige Seele. Eine Seele, die immer wieder vom Wasser unserer Lebensquelle benetzt wird, damit sie nicht bricht.“

„Du bist mir vielleicht ein komischer Vogel. Hörst du mir nicht zu. Meine Quelle, die meine Seele benetzt, wie du es ausdrückst, ist mein Glauben.“

„Nicht mehr?“

„Wie mehr? Das reicht mir.“

„Wirklich? Ich habe den Eindruck, du bist gerade auf der Suche nach etwas Anderem.“

„Ich kann dir nicht recht folgen.“

„Kannst du schon. Du willst es nur nicht wahrhaben.“

Der Prior schüttelte den Kopf und wusste doch, dass der lachende Vogel Recht hatte.

„Was du an Verletzungen in deiner Seele mit dir herumträgst, ist aus meiner Sicht, nicht der Schmerz, der von schlimmen Ereignissen ausgelöst worden ist, sondern die Folge, das schlimme Ereignisse auf eine brüchige Seele getroffen sind.“

„Nun langst aber, mein Lieber. Was soll nun das schon wieder: Verletzungen!? Zu mir kommen Menschen, die Fürchterliches erlebt haben. Da kannst du gerne von Verletzungen reden. Ich habe keinen Grund dazu.“

„Bist du sicher?“

„Ganz und gar.“

„Und wie steht es um deine erste und bis heute einzige, unglückliche Liebe? Du bist doch nicht taub für das, was dich damals ganz tief in dir verletzt hat.“

Der Prior schwieg. Auf den ersten Blick war alles, was der lachende Vogel andeutete, an den Haaren herbei gezogen.

Unbeirrbar setzte der lachende Vogel seine Ausführungen fort.

„Jesus ist nicht der, der uns hilft, über Schlimmes hinweg zu kommen – Gott im Übrigen auch nicht. Dies mag sich vielleicht hart anhören.“

„Hart, ich würde sagen es ist hart an der Grenze.“

„Nun gut. Ich sage es anders: Jesus hat von sich als der Quelle des Lebens gesprochen.“

„Dies ist wohl wahr.“

„Er lädt euch Menschen dazu ein, etwas für sich und seine Seele zu tun, sich auf den Weg zur Quelle zu machen, damit die Seele geschmeidig wird und bleibt.“

Der Prior schwieg erneut. Er war gespannt, wie der lachende Vogel seine Argumentation vorsetzen würde.

„Einer der Grundirrtümer der Christenheit liegt darin, in Jesus, in Gott, den persönlichen Erfüllungsgehilfen zu sehen, manchmal einfach nur einen Kummerkasten und Seeltröster. Wenn Jesus von der Quelle des Lebens spricht, dann sicherlich im obigen Sinne: Er lädt uns zur Quelle ein, einer Quelle die das Leben ist, weil wir halt Wassertierchen sind.“

„Was soll denn das schon wieder: Wassertierchen?“

Mit erstauntem Blick sah der lachende Vogel den Prior an.

„Was macht es dir so schwer, mein Metapher zu verstehen?

„Sie verwirrt mich gerade.“

„Vielleicht vergisst du auch einfach, was ich dir gerade gesagt habe. Mit allem wollte ich dir nur Eines sagen: Du bist auf dem Weg zu deiner inneren Quelle.“