Der lachende Vogel II,VI

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Der Hymnus ging dem Prior während der Vesper durch Mark und Bein.

„Tod und Vergehen waltet in allem,

steht über Menschen, Pflanzen und Tieren,

Sternbild und Zeit.

Du hast ins Leben alles gerufen.

Herr, deine Schöpfung neigt sich zum Tode:

Hole sie heim.

Schenke im Ende auch die Vollendung.

Nicht in die Leere falle die Vielfalt

Irdischen Seins.

Herr, deine Pläne bleiben uns dunkel.

Doch singen Lob wir dir, dem dreieinen,

ewigen Gott. Amen.“

Während der Stille versuchte er einen klaren Gedanken zu fassen.

Der Prior gehörte eher zu den Menschen, die es vermieden, die Verantwortung für eigenes Leben auf Gott abzuwälzen. Aber, wenn es doch einen geheimnisvollen Plan Gottes hinter allem gab, was war gerade im Gange. Und so recht konnte er immer noch nicht in Lob und Jubel über die vergangen Tage ausbrechen. Zu Vieles verwirrte in nach wie vor.

Bei allem spürte er sehr intensiv wie lange nicht den Hauch der Endlichkeit, der über allem Leben und Weben lag. Einem Leben mit einzigartigen Höhen wie Tiefen, ergriffenen Gelegenheiten und verpassten Augenblicken und Entscheidungen, die im Grunde nicht rückgängig zu machen waren. Und bei allem war diese Unruhe in einem, eine Art Lebensmotor. Etwas, dass uns vorantrieb und mit Beginn eines neuen Tag hoffte, das Leben würde doch eine andere Wendung nehmen können.

Musste er so alt werden – na ja, was hieß schon alt, aber immerhin älter – , um über die Liebe zu sich selbst nachzudenken. Nicht, dass es als Ordensbruder ein Tabu gewesen wäre. Aber dies Thema war bislang nie so recht in sein Leben getreten.

Wofür sich selbst lieben, sich fragen, was ihm gut tut, wenn seine Berufung ihm nahelegte, sich ganz um das Wohl und Wehe anderer Menschen zu sorgen. Er war nicht achtlos mit sich umgegangen. Er wusste sich Zeiten der Ruhe und Muße zu nehmen. Er hatte seine kleinen privaten Interessen, er las gerne, hörte gerne Musik und hatte eine Schwäche für alte Schwarzweißfilme.

„… deine Schöpfung neigte sich zum Tode.“

Die Worte halten in ihm nach.

War es das Gefühl von Endlichkeit, das ihn erfasste.

Als der Prior sich nach der Vesper aus der Bank erhob, wankte er benommen von dem was ihn aufwühlte. Er musste einen kleinen Ausfallschritt machen, sonst wäre er vermutlich gestürzt.

Ich werde sterben, irgendwann, dachte er, als er die Kapelle verließ. Heute hatte dieser sonst so leicht daher gesagte Satz in ihm einen anderen Klang.