Der lachende Vogel II,XV

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Der Prior griff zum vergilbten Buch, blätterte eine Weile und begann zu lesen:

„Ganz so werde ich in Gott verwandelt, dass er mich als sein Sein wirkt, als eines nicht als gleiches; beim lebendigen Gott ist es wahr, dass er da keinerlei Unterschied gibt… Manche einfältige Menschen wähnen, sie sollten Gott so sehen, als stünde er dort und sie hier. Dem ist nicht so. Gott und ich, wir sind eins. Durch das Erkennen nehme ich Gott in mich hinein; durch die Liebe hingegen geht ich in Gott ein.“

„Du bist endlich beim entscheidenden Punkt deines Buches angelangt, dem guten Meister Eckehart.“

„Ich versuche seit Tage gerade diese Stelle zu verstehen, zu ergründen, ob sie etwas über die Liebe zu sagen hat.“

„Offensichtlich: Lieben heißt, eins sein mit Gott.“

„Immer und jederzeit?“

„Nun ja, versuchen wir erst einmal zu fassen, was Meister Eckehart unter Liebe versteht. Es scheint mit so fundamental anders zu sein, als viele gläubige Christen heute dies beschreiben würden… und wahrscheinlich viele deiner Ordensbrüder.“

„Erkläre es mir.“

„Für die meisten Zeitgenossen ist die Liebe an Gott heute gleichzusetzen mit dem Glauben an Gott, dem Glauben an seine Existenz, seine Gerechtigkeit und Liebe. Gleichsam als eine Art Gegenstand der Betrachtung sucht der Betrachter so etwas wie letzte Wahrheiten, die Gottes Wesen beschreiben. So entstand die Theologie. Dogmen wurden formuliert, weil Wahrheit nie beliebig sein kann. Glauben wissenschaftlich betrachtet ist darum immer auch rechter Glauben, Glauben an die einzig richtige Wahrheit. Am Ende zählt allein die eine korrekte Lehraussage. Die Folge war hier immer schon: Intoleranz, die Verwerfung jeder als falsch angesehen Lehre.“

„Und du willst mir sagen: Wir Menschen können die Wirklichkeit nur in ihren Widersprüchen wahrnehmen. Letzte Wahrheiten gibt es nicht, genauso wie wir Gottes Wesen und Sein nicht erfassen können.“

„Wie soll der Glauben an Gott, den Unbeschreibbaren, mehr sein als ein Haschen nach Worten, ein Stammeln, ein Worte suchen und sich darin verlieren. Und paradoxer Weise fühlen sich die, die an Gott glauben, denen überlegen, die dies ganz und gar ablehnen, auch wenn diese im Grunde nur Gott denken und nicht ihren Gedanken folgend handeln.“

Man konnte dem Gesichtsausdruck des Priors entnehmen, dass dieser Mühe hatte zu folgen.

„Kommen dein Glauben und deine ganzen theologischen Gedankenkonstruktionen ins wanken.“

Der Prior schwieg. Er fand keine schnelle und passende Antwort. Der lachende Vogel sah, wie er unbewusst nickte.

Nach einer Weile entwich dem Prior eine kaum hörbare Frage:

„Damit wäre jede Form der Theologie überflüssig?!“

„Mein Lieber Johannes, nicht ganz. Aber nicht so zentral, wie sie wahrscheinlich auch dir im Studium und später im Seminar nahegebracht hat. Dogmen sind Buchstaben, die kaum erfassen können, was die Liebe zu Gott wirklich ist. Ähnlich geht es doch Liebenden, die, wie wir gesehen haben Mühe habe, ihre Liebe adäquat gedanklich zu erfassen und in Wort zu kleiden.“

„Was aber dann? Wie könnte, sollte man anders von der Liebe Gottes reden?“

„Nicht reden! Das ist es ja. Der Schlüssel liegt nicht in den Gedanken, sondern wie Meister Eckehart immer wieder betont hat im Handeln.“

„Im Handeln? Wie das?“

„Ganz schlicht: Die Liebe zu Gott muss erfahren werden. Sie ist in allen Teilen des Lebens Ausdruck einer tiefen Erfahrung. Sie ist Ereignis nicht Gedanke. Gott denken und ihn erfahren sind völlig verschiedene Dinge. Das Eine bleibt letztlich leblos. Spürst du nicht häufig, wie die Menschen immer weniger mit zentralen Begriffen der Theologie anzufangen wissen. Was ist Barmherzigkeit? Doch mehr, als das Gleichnis vom Barmherzigen Samariter zu lesen und zu denken: So sollten wir handeln. “

„Und das Andere?“

„Das Andere ist Barmherzigkeit im Erleben zu erfahren. Ob wir das, was wir unsere Erfahrung nennen, letztlich mit Gedanken festhalten, es mit Worten beschreiben können, ist dabei nebensächlich. Die Erfahrung hinterlässt seine Spuren in der Seele.“

„Und diese Erfahrung zeigt sich im Einsein mit Gott?“

„So ist es.“

„Gott lässt sich also nicht denken. Er wird in meiner Erfahrung ein Teil von mir.“

„Bravo.“

„Nun werd mal nicht überheblich.“

„Entschuldige bitte! Ich freue mich nur über deine Einsicht. Gedanklich ist scheint damit alles klar. Ohne Erfahrung bleibt das Gesagte jedoch eine Kette trefflicher Gedanken. Nicht mehr.“