Der lachende Vogel II,XVI

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Der Prior runzelte die Stirn.

„Wenn Gott und die Liebe irgendwie eins sind, wenn in der Liebe diese ungeheure schöpferische Kraft steckt und darauf wartet sich in unserem Handeln zu entfalten, wie ist es dann zu erklären, dass die Menschen doch so Unterschiedliches mit ihr verbinden?“

Der lachende Vogel hüpfte mehrmals auf und nieder bevor er antwortete.

„Nun, offensichtlich ist die Fähigkeit zum Lieben in jedem Menschen angelegt. Gleichwohl ist nicht abzustreiten, und darüber haben wir an anderer Stelle ja schon gesprochen, dass jeder Mensch immer auch in einer bestimmten und ihn beeinflussenden Umgebung lebt, von dem zentralen Einfluss der Familie gar nicht zu reden.“

„Du lenkst ab, scheint mir.“

„Ich lenke nicht ab, aber das, was Menschen unter Liebe verstehen hat sich doch über die Jahrhunderte deutlich gewandelt. Mir scheint, dass viele Menschen, denen ich heutzutage begegne, gar nicht mehr richtig zur Liebe fähig sind.“

„Sie leiden an etwas und haben darum keinen rechten Zugang zu tieferer Emotionalität. Dies ist mein Eindruck, der sich nach all den Gesprächen über die Jahre aufdrängt.“

„In einer Zeit, in der sich die Menschen über ihren Besitz und Status definieren, ist kaum Raum für ein Sein, dass die Tiefe des Möglichen auslotet. Haben ist heute mehr als Sein und wird nicht selten miteinander verwechselt. Ich bin der, der sein Leben wie einen Gegenstand besitzt. Doch die Freude, das Empfinden von Glück kann man nicht besitzen. Es ist etwas, was mich durchströmt. Ich kann mich zum Beispiel an der Natur, an einem Sonnenuntergang am Meer erfreuen, aber diese Erfahrung wird nie mein Eigen sein können, wie ich einen Gegenstand besitzen kann.“

„Es ist wie mit der Liebe, sie bleibt, was sie ist: ein tiefes Ergriffensein, ohne sie je selbst ergreifen zu können. Wie kann der moderne Mensch je zu ihr gelangen?“

„Die Ausgangslage ist schwer, wenn man bedenkt, wie die meisten Menschen ihr Leben organisieren. Sie organisieren es so, dass sie als Individuen ihre Individualität nie so recht entfalten können. Sie sind erfolgreich, haben ihr Auskommen, haben sogar Familie und sind doch weitestgehend ohne ein Selbst.“

„Und irgendwann in ihrem Leben spüren sie dies. Sie fangen an, sich und ihr Leben in Frage zu stellen und leiden mehr oder weniger unter ihrem Sein. Vielleicht wird ihnen zum ersten Mal in ihrem Leben bewusst, was ihr Leben wirklich ist.“

Der lachende Vogel sah den Prior fragend an.

„Leidest du unter deinem bisherigen Leben?“

„Nein, ganz und gar nicht, mein Lieber. Wenn wir so über die Liebe ins Nachdenken kommen, unsere Gedanken in die eine oder andere Richtung schweifen lassen, so ist dies für mich ein großes Vergnügen, das ich mit dir teile… jedoch lässt es mich an meinem bisherigen Leben nicht zweifeln.“

„Wirklich nicht?“