Der lachende Vogel II,XIX

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Die Nachricht, dass der Prior in ein eigentümliches Schweigen verfallen sei, sprach sich im Kloster schnell herum. Bruder Georg war der Einzige, den dieser Umstand nicht weiter beunruhigte. Obwohl auch er sich fragte, was dazu geführt haben könnte.

So vergingen mehr als vierzehn Tage.

Man gewöhnte sich an das Schweigen des Priors und sein seltsames Entrücksein. Keiner sprach in mehr an. Zu Begrüßung nickte man ihm kurz zu.

Bruder Georg, war gelassen, denn er wusste, die Stunde würde kommen, in der der Prior die Sprache wieder finden würde. Bis dahin wollte er geduldig warten.

In der dritten Woche, waren es nur einige Worte, die dem Prior während des Morgengebetes für alle gut hörbar entwichen:

„Hört meine Stimme!“

Dann verfiel der Prior wieder in sein Schweigen.

Der Vorfall führte unter den Brüdern im Laufe des Tages zu heftigen Diskussionen. Was hatte der Prior sagen wollen. Bezog sich seine Aufforderung auf sie, die Mitbrüder? Oder zitierte der Prior einfach nur die Worte eines am Morgen gesprochenen Gebetes?

Einig wurde man sich nicht.

Der Prior durchlebte in jenen Wochen eine Wandlung.

Die Zeit des Schweigens tat das ihre dazu. Er war froh, dass seine Brüder dies offensichtlich respektierten. Nicht alle, denn manche sahen sein Schweigen als Affront an. Sie hielten den Prior gar für arrogant. Die meisten jedoch begegneten ihm mit einem freundlichen Blick.

Der Prior konnte auch später nicht sagen, was in diesen Wochen wirklich in ihm geschah. Wie an jenem Abend, als der lachende Vogel lange bei ihm war, hatte er den Eindruck, die Welt um ihn herum hätte sich gleichsam aufgelöst und er mit ihr.

Bei Tisch saß er teilnahmslos neben seinen Brüdern. Er aß, ohne recht wahrzunehmen, was er zu sich nahm. Das Essen wurde ihm zu einer eher lästigen aber notwendigen und lebenserhaltenden Gewohnheit. Manchmal war er so in Gedanken, dass er zu essen vergaß, am Ende der Mahlzeit aufstand und den noch gefüllten Teller zurückließ.

Die meiste Zeit verbrachte er zurückgezogen auf seinem Zimmer.

Die Brüder hatten längst verstanden, dass er zu keiner Mitarbeit im Klosteralltag mehr bereit war.

Gelegentlich, eher in den frühen Morgenstunden oder am Abend, wenn er sicher sein konnte, dass ihm keiner auf seinem Weg begegnete, brach er zu langen Spaziergängen bis spät in den Abend auf. Manchmal kehrte erst gegen Morgen kurz vor dem Morgengebet zurück.

Der Prior glich mehr und mehr einem wandelnden Geist.

Eines Morgens war er verschwunden. Als man ihn am späten Vormittag suchte, fand man sein Zimmer unberührt. Das Bett war aufgeschlagen.

Erst am nächsten, oder war es der übernächste Tag, man konnte dies zeitlich später nicht mehr sagen, begann sich Bruder Georg Sorgen zu machen.

Prior Johannes sollte nie zurückkehren.