Der lachende Vogel III,VII

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Knapp ein Jahr später stand die Polizei eines Abends vor dem Haus. Sie schien sichtlich angekratzt.

Im Verlauf des Gespräches mit Johannes wurde deutlich, dass ein Wagen von der Straße abgekommen war. In ihm hatte eine fünfköpfige Familie gesessen. Die Eltern waren auf der Stelle tot. Wie durch ein Wunder hatten die Kinder auf der Rückbank sitzend den Unfall bis auf leichte Schrammen fast unversehrt überlebt.

Nun suchte man in der Umgebung nach einer vorläufigen Unterbringung für die Kinder.

Relativ schnell war klar, dass sie bei Johannes und den anderen Kinder ihr neues Zuhause finden sollten. Für Rosa, Luz und Camila fand sich niemand aus der Familie, der sich ihrer annehmen wollte.

Es dauerte nicht lange, und auch sie wollte nicht wieder weg. Der Schock über den Verlust der Eltern war damit lange nicht überwunden. Aber sie spürten, dass es gut war, hier zu sein.

Johannes ging Wochen lang mit dem Gedanken schwanger, die drei Mädchen doch wieder abzugeben. Er fühlte sich der auf ihn zukommen Herausforderung nicht gewachsen. Vor allem, und dies beschäftigte in besonders, wie sollte er als Mann den drei Mädchen wirklich ein Gegenüber werden können.

Manches Mal zog er sich mit den Jungen zurück, nutzte einen unbemerkten Augenblick, um mit ihnen offen über seine Gedanken zu sprechen.

„Weißt, du Johannes“, sagte Felipe eines Tages, „ich kann keine Bedenken verstehen. Ich frage mich auch manchmal, ob es nicht besser ist, unter uns zu bleiben. Aber hast du uns gestern nicht die Geschichte vom Barmherzigen Samariter vorgelesen. Wenn ich dieses Gleichnis von Jesus richtig verstanden habe, dann können wir nicht anders, als uns um Rosa, Luz und Camila zu kümmern. Wir sind für sie verantwortlich. Alles andere wird sich schon zeigen. Es wird einen Weg für uns alle geben. Und… schließlich bist du nicht allein, du hast uns. Wir werden dir helfen. Mach dir keine Sorgen. Kann es für uns Kinder noch etwas Schlimmeres geben als das, was jeder von uns erlebt hat, bevor wir zu dir gekommen sind?“

Johannes musste schlucken. Wieder einmal war er verblüfft über die Lebensweisheit, die ihm die Kinder entgegenbrachten.

Von jenem Tag an, dachte er nicht mehr darüber nach, ob es richtig war, alle sechs Kinder zu sich genommen zu haben.

Gab es dennoch einen Anflug von Zweifel, sah er Felipe an. Meist nickte dieser ihm unbemerkt zu, oder zwinkerte mit dem linken Auge.

Kinder, diese Kinder dachte er dann und spürte in sich ein tiefes Glücksgefühl.