Spiegelungen XII

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Im Landeanflug konnte Claire die Ausmaße der großen Stadt erkennen. Sie wirkte auch aus der Höhe gigantisch. Hier würde sie sich in den nächsten Tagen akklimatisieren und dann ihre Reise fortsetzen.

„Bienvenido“, wurde sie vom Beamten am Einreiseschalter begrüßt.

Sie nickte freundlich.

Tourista?“

Si.“

Der Beamte drückte den Einreisestempel in ihren Pass und überreichte in ihr zurück.

Estancia buena!“.

Mit einem Lächeln beschloss er die kurze Konversation.

Claire lächelte etwas verlegen zurück. Sie hatte ihn nicht verstanden. Dennoch wirkte sein Lächeln einladend. Ein guter Anfang in der Fremde, dachte sie.

Es war das erste Mal, dass sie einen anderen Kontinent betrat. Zu ihrer Neugier gesellte sich nun eine leichte Vorfreude.

Als sie in die Ankunftshalle trat, schauten ihr suchende Gesichter entgegen. Einige hielten Pappschilder mit Namen in die Höhe. In vorderster Reihe stand ein Mann mit einem Rosenstrauß in der Hand. Da ist er ja, dachte sie spontan. Sie wusste nur zu gut, dass der Mann alles andere als auf sie wartete. Und doch für einen Augenblick wünschte sie sich, es wäre so. Warum eigentlich nicht. Bei mancher Rückkehr von einer Reise hatte sie sich genau dieses gewünscht. Jemand, nein nicht jemand, ihre Liebe würde ihr auf dem Bahnsteig freudig entgegentreten, sie umarmen, küssen und ihr sagen: „Schön, dass du wieder da bist.“

Sie wandte ihren Blick ab, nicht ohne dass sich ihre Blicke für einen kurzen Moment begegneten. Der Mann lächelte.

Als sie hinaus in Frische des Abends trat, die so typisch für die große Stadt ist, kam ihr ein Taxifahrer entgegen und bot freundlich seine Dienste an. Sie musste unwillkürlich lächeln, stieg ins Taxi, während der Fahrer ihren Koffer im Kofferraum deponierte. Sie drückte dem Fahrer einen kleinen Zettel mit der Anschrift des Hotels in die Hand. Er wiederholte die Adresse.

Con mucho gusto!“

Wenn sie später über dieses Land sprechen sollte, sprach sie meist vom Land mit den lächelnden Menschen.

Das Taxi reihte sich schnell in den abendlicher Verkehr ein. Der Fahrtwind, der durch das geöffnete Fenster eintrat, war angenehm frisch. Neugierig sah sie aus ihrem Fenster und nahm die ersten Eindrücke in sich auf. Der Fahrer hatte das Radio für ihre Verhältnisse recht laut aufgedreht. Er sang beim Refrain des Liedes laut mit.

Was für ein Land, dachte sie. Das, was ihr entgegentrat, war so ganz anders, als das, was sie sich in ihrem Kopf zurückgelegt hatte. Langsam wurde aus ihrer Neugier Freude, auf das, was sie noch erwartete.

Sie nickte in Gedanken leicht mit dem Kopf. Gut das ich hier bin. Aller Zweifel war mit einem Mal verflogen.

Schade, dachte sie, als der Taxifahrer signalisierte, dass sie am Ziel seien. Gerne hätte sie sich noch länger durch die Stadt kutschieren lassen. Sie Beschloss, gleich Morgen wieder in Taxi steigen.

Ihr Hotelzimmer war einfach und schlicht eingerichtet. Sie trat ans Fenster und sah hinaus in die Lichterwelt des vor ihr liegenden Stadtviertels. In der Nähe konnte sie die dunkle Silhouette der Kordillere erkennen.

Claire verspürte leichten Hunger und beschloss, sich nochmals auf den Weg zu machen. Sie steckte etwas Geld ein und ließ alles andere im Hotel zurück.

Als sie aus dem Hotel trat, war der abendliche Verkehr immer noch nicht zum erliegen gekommen. Sie fand in der Nähe ein kleines Restaurant. Ein Kellner führte sie an einen Zweiertisch und reichte ihr die Speisekarte. Mit Hilfe ihres kleinen Sprachführers bestellte sie einen Mangosaft und einen Salat mit Camarones.

Sie nahm einen ersten Schluck vom Fruchtsaft. Was für ein Geschmack. Noch nie hatte sie etwas Vergleichbares getrunken. Sie trank gerne Fruchtsäfte, aber dieser war etwas ganz Besonderes. Die Garnelen waren frisch, in Olivenöl mit Knoblauch leicht angebraten und auf dem gemischten Salat kunstvoll drapiert – einfach köstlich. Der gut gekühlte Weißwein vollendete ihr Mahl.

Zum Abschluss trank sie ganz gegen ihre Gewohnheit zu so vorgerückter Stunde einen Cappuccino. Auf den ersten Kaffee hatte sie sich die ganze Zeit gefreut. Sie wollte nicht bis zum Morgen warten und war sich auch nicht sicher, ob sie im Hotel einen vergleichbaren bekommen würde. Trotz der aufgeschäumten Milch, die den Kaffee verlängerte, war das intensive Aroma deutlich zu schmecken.

Zufrieden verließ sie das Restaurant, orientierte sich kurz und machte sich auf den Rückweg zum Hotel.

Auf dem Bürgersteig kam ihr ein Liebespaar entgegen. Sie waren angeregt in ein Gespräch versponnen. Eine Außenwelt schien es für sie nicht zu geben. Sie waren in ihre eigene Welt eingetaucht, trotz Betriebsamkeit um sie herum.

Der Kaffee ließ sie nicht sogleich einschlafen. Sie schaute auf ihre Uhr und stellte fest, dass es für sie ja fast schon wieder Zeit zum Aufstehen war. Sei griff zu ihrem Buch, das sie sich vor der Abreise noch gekauft hatte und begann zu lesen. Es war ein einheimischer Autor und ihr empfohlen worden. Gerade das Richtige, um in dieses Land einzutauchen.

Gleich die Zitate auf der ersten Seite nahmen sie in den Bann. Sie waren von einem bedeutenden griechischen Redner und Staatsmann aus dem vierten Jahrhundert vor Christus

Nie, nie wirst du das, was du dort getan hast, auslöschen, wie viele Worte du auch immer darüber machen wirst.“

Sie war nicht gekommen, um etwas auszulöschen. Vielmehr wollte sie das, was sie in sich über so viele Jahre vergraben hatte, hervorholen. Sacht und vorsichtig würde sie vorgehen. Wie eine Archäologin, die sich mit Bedacht Millimeter für Millimeter vorwärtsarbeitet und eines zu verhindern sucht, durch Unachtsamkeit alles zu zerstören.

Sie war auch nicht gekommen, um mit ihrem verstorbenen Vater ins Gericht zu gehen. Sie wollte forschen und wo es möglich war, vielleicht sogar verstehen, Teil haben an dem, was diesen Mann im innersten bewegt hatte.