Spiegelungen XIII

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Am nächsten Morgen stand Claire lange im Bad vor ihrem eigenen Spiegelbild. Ihr Blick hatte über die Jahre etwas Funktionales bekommen. Er galt ihrem Äußeren, war teil der Morgentoilette, teil des sich Zurechtmachens, bevor sie das Haus verließ und einen neuen Tag in Angriff nahm.

Ihr von grauen Strähnen durchzogenes Haar strahlte für ihr Alter immer noch Vitalität aus. Leichte Schatten unter den Augen, ließen etwas von der inneren Anspannung der letzten Wochen erahnen. Wie sie sich so ansah, musste sie schmunzeln. Sie spürte, wie sie im Begriff war, tiefer in sich hineinzuschauen.

Wie nahmen andere Menschen sie war? Sie hatte im Laufe ihres Lebens viel dafür getan, für andere eher undurchschaubar zu wirken. Viele Menschen hielten sie darum auch für eher introvertiert.

„Nun schau doch nicht so ernst! Lach doch mal!“, versuchte ihre Kollegin sie manchen Morgen zu provozieren. Meist kam sie spontan ihrer Bitte nach, ohne damit etwas von ihrem Innenleben preiszugeben.

Als Kind hatte sie gerne in den Spiegel geschaut, hatte sich genau betrachtet, wollte sehen, wie sich ihr Äußeres im Laufe der Zeit veränderte. Lang stand sie vor ihrem Spiegelbild und noch fern war der Gedanke, dass die Person, die sie anblickte eine andere sein könnte, als sie selbst. Noch konnte sie Grimassen und Fratzen machen, ohne sich dabei albern vorzukommen. Gerne griff sie zu den Schminkutensilien ihrer Mutter, heimlich versteht sich, sah, wie sich der Ausdruck ihres Gesichtes veränderte. Sie machte einen Schmollmund, formte die Lippen zu einem Kuss und ließ die Spitze ihre Zunge auf dieser kreisend wandern. Sie warf ihr Haar kokett nach hinten, versuchte verführerisch zu wirken. Besonders gerne hob sie die Nasenflügel an.

„Du stammst wohl doch von den Hasen ab“, erklärte ihre Freundin Anna ihr eines Tages.

Wo war diese Freude an und mit sich selbst geblieben? Unbewusst hob Claire die Nasenflügel an. Sie musste spontan lachen. Ihr Gesichtsausdruck bekam etwas Entspanntes. Es war, als trete etwas aus ihrem tiefsten Inneren zum Vorschein. Sie spürte, wie eine tiefe Freude am Leben in ihr emporstieg. Sie begann zu zittern. Ihre Handflächen wurden feucht.

Komisch, dachte sie. Wie kann es sein, das etwas so Positives bei mir solche Begleiterscheinungen auslöst?

Im Spiegelbild sah Claire, wie ihr Tränen die Wange hinunter liefen.

Später versuchte sie das Erlebte in ihrem kleinen Reisenotizbuch festzuhalten:

mein Spiegelbild

kann ich dich wirklich täuschen

du zeigst dich mir so klar

warum nur

sollte ich zweifeln

an dem

was ich sehe

 

und doch

obwohl du nur zeigst

was ich sehe

schaust du mich

fragend an:

ist das alles

was ich sehe

Claire hatte gerade einmal mit gut vierundzwanzig ihre gewohnte Umgebung verlassen. Gleichwohl war in ihr schon so viel in Bewegung gekommen. Sie beschloss, sich mit einem guten Frühstück zu stärken und dann auf den Weg durch die Stadt zu machen.

Als sie ins Taxi stieg, reichte sie dem Taxifahrer einen Zettel mit der Aufforderung: Zeigen Sie mir ihre Stadt und fahren Sie mich zu Orten, die sie für sehenswert halten!

Der Taxifahrer nickte und sagte mit einem Lächeln:

„Con mucho gusto!“

Wann hat mir ein Taxifahrer das letzte Mal gesagt, dass es ihm ein Vergnügen sei, mich zu chauffieren, fragte sie sich. Es tat gut, so angesprochen zu werden. Und sie spürte, es war mehr als nur eine Höflichkeitsgeste.

Nach gut drei Stunden Fahrt bedankte sie sich herzlich beim Taxifahrer, zahlte den Fahrpreis und legte ein großzügiges Trinkgeld darauf. Der Fahrer drückte ihr eine kleine bereits abgegriffene Visitenkarte in die Hand und dankte seinerseits und wünschte ihr einen gesegneten Tag.

Wow, dachte sie, als sie auf dem Bürgersteig stand und sich zu orientieren versuchte. Sie war drauf und dran dem nächsten vorbeifahrenden Taxi zuzuwinken und die Fahrt fortzusetzen.

Zunächst war ihr aber danach, einen guten Kaffee zu trinken, eine Kleinigkeit zu essen und sich dann für eine Weile in einen nahegelegenen Park zu setzen.

Auf den ersten Blick glich der Park denen, die sie kannte. Bei genauerem Hinsehen, erkannte sie ihr bekannte Pflanzen. Eigentümlicher Weise hatten diese jedoch eine Größe erreicht, die auf sie fast schon unnatürlich wirkte. Staunend blieb sie auf ihrem Rundgang durch den Park vor der einen oder anderen Pflanze stehen. Ihr bekannte Topfpflanzen waren hier zu Sträuchern, fast schon kleinen Bäumen mutiert.

Claire verspürte leichte Müdigkeit. Die dünne Luft ließ sie etwas atemlos auf einer Parkbank in der Sonne Platz nehmen.

Sie dachte über die Eindrücke seit ihrer Ankunft in diesem Land nach. Kleinigkeiten, wie eine Begrüßung, schienen eine gewichtige Bedeutung zu haben. Vielleicht war dies die erste Spur, der sie bei ihrer archäologischen Ausgrabung folgen konnte.

War es das Geheimnis dieses Landes der lächelnden Menschen, aus der Bescheidenheit der Lebensumstände und Verhältnisse mehr zu machen, die Dinge nicht klein zu reden, wie sie gewohnt war, sondern Zufriedenheit und Glück selbst im Kleinen zu finden.

Sie meinte zu ahnen, was ihren Vater bewusst oder unbewusst in dieses Land geführt hatte. Was bleibt uns, wenn wir im Leben schon Vieles hinter uns gelassen haben, denn anderes übrig, als uns an den kleinen Dinge zu erfreuen. Wo kann dies besser gelingen, als in einer Umgebung, wo Menschen dies zu ihrer Lebensphilosophie erhoben haben und weder einfache Verhältnisse noch Mangel als Geißel des Lebens betrachten.

Sicherlich war das Leben ihres Vaters anders verlaufen, als er es sich idealtypisch vorgestellt hatte. Er hatte Manches hinter sich lassen müssen. Der ein oder andere Lebenstraum war zerplatzt. Vielleicht hatte er erst hier Frieden finden können, weil es vielen ähnlich ging und keiner sich dafür schämen musste, auch nicht vor seinen Kindern.

Der letzte Gedanke traf Claire wie eine Pfeilspitze. Sie spürte, wie sich etwas in ihr zusammenzog, einen Schmerz auslöste und sie nach Luft schnappen ließ.

Hatte sie sich für ihren Vater geschämt? War er in ihren Augen ein Versager gewesen? War es das, was sie ihm eigentlich hätte vorwerfen müssen, aber all die Jahre weder klar hatte, noch aussprechen konnte?

War die Härte sich selbst, dem Leben im Allgemeinen und Speziellen gegenüber nur darin begründet, selber nicht versagen zu wollen? Wer keine dauerhafte Beziehung einging, konnte weder sich selbst noch andere enttäuschen.

Claire wurde schwindelig. Der Boden schien sich unter ihr zu einem Abgrund zu öffnen. Alles, worauf sie ihr Leben aufgebaut hatte verlor mit einem Mal an Stabilität und Halt.