spiegelungen III,I

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Je höher man stieg, desto weniger verstand man,
dass es die dunkle Wolke ist, die die Nacht erhellt;
deshalb bleibt, wer sie erfuhr, unwissend,
alles Wissen übersteigend.
Juan de la Cruz

 

Claire kniete nieder und begann zu beten. Zunächst das Vater unser. Es kam ihr spontan in den Sinn. Seit den Kindertagen hatte es sie hie und dort begleitet. Es war im Grunde das einzige Gebet, welches sie auswendig hersagen konnte, gleichzeitig das einzige zu dem sie griff, wenn ihr nach Beten zu Mute war.

Das Beten hatte jedoch nie so recht Einkehr in ihren Tagesablauf gehalten. Es war für sie nie zu dem geworden, was es für andere war: ein wiederkehrende Teil des Alltags, genauso dazugehörend wie jede andere Verrichtung eines Tages.

Als sie das Vater unser beendet hatte, schwieg sie eine ganze Weile. Sie hatte die Augen geschlossen. Die gefalteten Hände lagen in ihrem Schoß.

Ohne darüber nachzudenken, fing sie bald schon an zu reden, so als sei Gott ein guter Bekannter, dem sie bereit war, von sich zu erzählen:

Ich kann im Grunde nicht sagen, was mich zu dir reden lässt. Die Frage, ob es dich nun wirklich gibt, will ich einmal zurückstellen. Und doch weiß ich nicht so recht, was wert ist, das ich es nun aussprechen sollte. Gleichzeitig kommt da eine alte Frage aus meinen Kindertagen in mir hoch: Wenn du, Gott, wie die Menschen sagen, allwissend bist, warum muss ich dann noch aussprechen, was du längst weißt. Sollte ich nun nicht eher schweigen?

Claire machte eine Pause und schwieg. Sie hielt fest an der Gebetshaltung, spürte, wie sie mehr und mehr entspannte.

Ich will es dennoch tun, zu dir reden, so als ob du von nichts wüsstest, wir uns vielleicht zum ersten Mal im Leben begegnen würden.

Im Grunde ist es doch so, dachte Claire. Noch nie hatte sie in dieser Art gebetet. Noch nie so direkt zu Gott gesprochen.

In den letzten Tagen ist viel geschehen. Die Reise, die ich begonnen habe, ist zu viel mehr geworden, als ich mir vorgestellt hatte. Einerseits hat sie mir einen neuen Blick auf meinen Vater eröffnet, den ich nie für möglich gehalten hätte. Ich fühle mich ihm heute näher, als je zuvor in meinem Leben. Gleichzeitig ist diese Reise eine Reise zu mir selbst geworden. Sie konfrontiert mich mit Facetten meines Selbst, die lange verborgen waren und jetzt ans Licht kommen. „Wachtet und betet!“, mein Konfirmationsspruch ist mir in den Sinn gekommen. Ich frage mich, was er für mich zu bedeuten hat. Habe ich all die Jahre versäumt zu beten, mich im Vertrauen an dich zu wenden? War ich wachsam genug mit mir und meinem Leben?

Claire unterbrach ihre Zwiesprache mit Gott ein weiteres Mal. Wie konnte sie wirklich davon ausgehen, dass jemand ihr zuhörte, von dem sie nicht sicher sein konnte, dass es ihn überhaupt gab.

Sprich weiter, sagte eine Stimme in ihr. Ich höre dir zu.

Ein Schauer durchlief sie.

Sprich weiter, hörte sie die Stimme ein weiteres Mal sagen.

Ich schäme mich. Wie konnte ich so blind und teilnahmslos durchs Leben gehen? Wie konnte ich glauben, es reiche, sein ganzes Lebens ganz auf sich zu stellen? Ja, ich habe so Manches im Leben erreicht, bin erfolgreich im Beruf und habe mir eine gesicherte Existenz aufgebaut. Zu wenig habe ich mich jedoch um mich selbst gesorgt. Ich dachte bis vor kurzem, ich lebe in Frieden und Einklang mit mir selbst. Nun spüre ich, dass dieser Frieden einzustürzen beginnt. Das Bauwerk meines Lebens kommt ins Wanken. Angst hat mich erfasst und lässt mich nach Draußen eilen. Ich will nicht unter den Trümmern meiner eigenen Existenz begraben werden. Ich fühle mich schutzlos. Es fehlt mir an Vertrauen, wird mir nun klar. Vertrauen, dass ich jenseits dessen, was mir bis heute alles bedeutet hat, auf sicherem Grund gehen kann und irgendwie getragen werde. Ratlos schaue ich mich um, suche neuen Halt und habe gleichzeitig das Gefühl immer weiter und weiter ins Bodenlose zu versinken. Wo werde ich letzten Halt finden? Mir scheint es zu einfach, naiv möchte ich nicht mehr sagen, davon auszugehen, dass du es bist, der diesen letzten Halt gibt. Fehlt es mir an Vertrauen? Wie kann ich zu diesem bedingungslosen Vertrauen finden? Mein Leben hat mich doch allzu oft gelehrt, wie töricht es sein kann, bedingungslos zu vertrauen. Woher nehme ich die Sicherheit, dass es mir mit dir anders ergehen könnte?

Claire wurde von einem heftigen Zittern erfasst.

Ich bin da, spüre es.

Eine Weile verging, bis das Zittern ganz gewichen war.

Claire öffnete die Augen, sah sich um, erkannte das Zimmer, in dem sie sich befand. Gleichsam war ihr, als sei sie an einen anderen Ort, entrückt. Sie war immer noch hier und doch irgendwo anders, einem Ort, den sie nicht beschreiben konnte, von dem sie nur fühlen konnte, dass etwas Beruhigendes von ihm ausging.

Kannst du meine Fragen ertragen, oder bist du kurz davor, dich von mir abzuwenden, weil mein Zweifel so groß ist?

Sprich weiter, ich werde dir weiter zu hören. Sag, was du zu sagen hast und denk nicht darüber nach, ob es richtig oder falsch ist. Es gibt nichts, was du nicht sagen könntest.

Eine weitere Frage kommt mir in den Sinn: Kann es sein, dass viele Menschen sich von dir abgewandt haben, mich eingeschlossen, weil wir uns eher an das halten wollen, was uns sichtbar vor Augen steht.

Kann sein.

Wenn ich versuche loszulassen, bereit werde, alles aus der Hand zu geben, was mir Sicherheit im Leben gibt, dann merke ich, wie Angst in mir hochsteigt… und dies hindert mich, wirklich loszulassen.

Du bist weise. Du bist dabei einer der wichtigsten Lektionen im Leben zu begreifen.

Wie kann ich weise sein, wenn ich von Angst, vielleicht sogar von Panik ergriffen bin?

Lass los. Du kannst nicht tiefer als in meine Arme fallen.

Claire spürte, wie etwas in ihr im Begriff war, sich von ihr zu lösen.

Es ist die Angst, die mich festhalten lässt. Warum nur ist sie so groß und übermächtig?

Ein Ruck ging durch sie hindurch. Etwas zerrte an ihr.

Ich will nicht länger festhalten, dachte sie. Ich lasse los… all meine Angst, all meine Sorge um das, was kommen mag und mich erwartet. Hilf du mir dabei! Gib mir die Kraft loszulassen! Nein, schenk mir das Vertrauen, dass ich mich wirklich fallen lassen kann, weil du mich auffangen wirst!

Nach einer Weile öffnete Claire die Augen. Die Dunkelheit der Nacht hat den Raum erfasst. Sie dachte nicht darüber nach, warum der Lichtschein der Straßenlaterne nicht wie sonst in der Lage war, den Raum zu erhellen.

In ihren Gedanken, war Claire immer noch an einem anderen Ort. Mitten in der Dunkelheit des Raumes, in der Dunkelheit ihres eigenen Seins hatte sich ihr Geist erhellt. Sie konnte nicht recht sagen, was es war. Konkrete Gedankengänge schienen sich mehr und mehr aufzulösen. Sie hatte etwas erfahren, was nicht in Worte zu fassen war und alles Wissen und ihren Verstand überstieg.

Und dennoch, ohne es zu denken, fühlte sie sich getragen, leicht wie eine Feder, die der Schwerkraft folgend zu Boden gleitet und doch nie dort landen wird.