spiegelungen III,VI

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Das Wort ist der in Schwingungen verwandelte Gedanke.
Indem, was zu sprichst, entlässt du,
was vorher nur Energie war in die Luft um dich herum.
Paula Coelho – Brida

 

Ein Gedanke ergriff von ihr Besitz, so als sei es ihr möglich, durch das simple Schauen immer tiefer in das Wesen eines anderen Menschen hinabzutauchen zu können.

Das, was sie nun sah, war Teil ihres Lebens.

Sie sah Juan Felipe an und hatte den Eindruck sich selbst zu sehen. Wie konnte das sein? Sie kannte ihn kaum mehr als eine Handvoll Tage.

Juan Felipe hielt ihrem Blick stand. Er ließ es zu. Sie konnte sich immer tiefer in ihm hinabsenken, tiefer und tiefer bis zum Grund seines Wesens vordringen.

Was Claire dort erblickte, hätte sie mit Worten nicht fassen können. Sie wurde erfasst von einer Woge. Das Sein schien sie hinwegzufegen. Sie war an einem Ort angekommen, wo kein Halten war, nur ein Getriebensein, von etwas, das immer schon war und immer auch bleiben würde.

Sie tauchte hinab in das Wesens eines anderen Menschen und fand nichts Anderes als sich selbst vor.

Für einen Augenblick tauchte sie wieder auf. Ein Gefühl unendlicher Zärtlichkeit erfüllte sie. Sie war im Begriff, Ihren Mund zu öffnen und Juan Felipe alle Liebesschwüre, die ihr je gekommen waren, ihm mit einem Mal entgegenzuschleudern.

Sie schwieg.

Sie zog es vor, das Unfassbare, das nicht Aussprechbare für sich zu behalten. Was konnte sie schon sagen. Erfurcht vor dem Unaussprechlichen ließ sie schweigen.

Sie tauchte erneut in ihm herab und spürte eine tiefe Verbundenheit. Sie war wie in Trance. Etwas von ihr verlor sich in ihm, umschlang sein Wesen, wurde Teil von ihm.

Irgendwann hatte sie den Eindruck, sie löse sich auf, würde Teil, nein sei bereits Teil von ihm geworden.

Sie ließ sich fallen, tiefer und tiefer.

Dieses Fallen hatte nichts Bedrohliches.

Sie war im Begriff sich loszulassen. Noch hielt etwas in ihr sie fest. Es war ihr, als stände sie an einer Klippe, unter ihre der Abgrund.

Und dann machte sie jenen entscheidenden Schritt, der sie fallen ließ. Sie schwebte durch die Luft. Ihr Fallen, war es überhaupt ein Fallen, oder wurde sie nicht eher von etwas angezogen?

Sie war erstaunt, kein Funken Angst oder gar ein Gefühl von Panik erfasste sie. Gelassenheit war es, die Besitz von ihr ergriff.

Sie verlor mehr und mehr jede Kontrolle über sich.

Im Fallen streckte sie sich aus, suchte eine Zeit lang noch Halt zu finden, fand ihn jedoch nicht.

Jede Begrenzung löste sie auf. Ihr Ich war Teil eines Du geworden, Teil eines Wir, Teil von etwas Allumfassenden.

Der Aufprall, den sie unweigerlich erwartete, blieb aus.

Ein Seufzen entfuhr ihrem Inneren.

Juan Felipe, der sie die ganze Zeit still geblieben war, zuckte auf. Er lockerte kurz, kaum wahrnehmbar, seine Umarmung, um Claire dann noch fester zu halten.

Auch er spürte diese tiefe Verbundenheit, war verwundert und gerührt.

Claire hatte längst die Augen geschlossen.

Jede Anspannung war aus ihrem Körper gewichen.

Da war nichts als Geborgenheit.

Als Juan Felipe nochmals die Umarmung leicht lockerte, hatte er ein Gefühl, als würde sich Claire von ihm lösen und vom Wind hinweggetragen.

Im gleichen Augenblick flog ein leuchtend gelber Kanarienvogel angelockt vom Ruf eines anderen dicht an seinem Kopf vorbei.