Hors Saison I,IX

Hors Saison Titelbild
Als sie den Bahnhof betrat war es bereit nach drei. Sie überlegte. Noch hatte sie überhaupt keinen Entschluss gefasst, wohin die Reise gehen sollte. Ihr war nur klar, sie wollte niemanden besuchen fahren. Sie wollte mit sich alleine bleiben.
Auf der Anzeigetafel hielt sie Ausschau nach dem weit entferntesten Reiseziel. ›Norden oder Süden‹, fragte sie sich.
›Süden‹, dachte sie. Etwas verlässlichere Sonne als in den letzten Tage täte ihr gut. Sie sah sich schon am Strand auf einem Badetuch liegen. Apropos Badetuch. Hatte sie eines eingesteckt. Nein, egal. Alles, was sie nicht dabei hatte, würde sie sich einfach neu zulegen.
›Nein, nicht in den Süden. Da fahren doch alle hin, die der Tristesse unseres derzeitigen Wetters entgehen wollen.‹
Verwundert sah sie sich um. Sie konnte die Stimme, die gerade zu ihr gesprochen hatte nicht ausmachen.
Auf der Anzeigetafel über ihr hatte das Rattern erneut begonnen. Alle paar Minuten wechselten die Buchstaben ihre Position. Der geschulte Beobachter wusste, dass alle Hinweise so lange verschwanden und sich immer weiter nach oben verschoben, bis sie ein letztes Mal in der obersten Zeile zu sehen waren. Dann verschwanden sie für. Sie hatten anderen Hinweisen Platz gemacht.
Was das ihre Rolle in Hannes Leben. Sie verschwand, erschien aufs Neue, bis sie unwiederbringlich für immer ewig im Nichts verschwand.
›Schluss jetzt‹, hörte sie die andere Stimme in ihr sagen. Es reicht. Es kann doch nicht angehen, dass du bei allen Verrichtungen des Tages unablässig an diesen Kerl denken musst.
›Schon gut«, erwiderte sie.
›Und im Übrigen, wie kannst du in den Süden fahren wollen, wo im Augenblick Hinz und Kunz dorthin reisen. Wolltest du nicht die Abgeschiedenheit aufsuchen?‹
Er jetzt begriff sie, dass die Stimme eben nirgendwo anders als in ihr selbst erklungen war.
›Geht in Ordnung Chefin‹, sagte sie mit gespielter Kleinmütigkeit.
›Ach‹, ergänzte sie, ›wie wäre es, wenn ich dir einen Namen gebe. Was hältst du von Klara die Zweite, oder die Weise?‹
›Was soll den das? Ich bin zwar Teil von dir, untrennbar mit dir verbunden …‹
Es trat eine Pause ein.
›Und?‹
Klara erhob herausfordernd die Stimme.
›Nun ja‹, begann Klara II von neuem, ›mir wäre lieber, ich hätte einen eigenen Namen‹.
›Was hältst du von Katharina?‹
›Spinnst du!?‹
›Nein, ganz und gar nicht. Aber irgendwie kommst du immer so herrschaftlich und weise daher.‹
Erneutes Schweigen. Währendessen wurde auf der Anzeigetafel eine erneute Runde des allseits geleibten Wechselspiels eingeläutet.
›Wie wäre es mit Kara?‹
›Kara?‹
›Ja, Kara. Schau her, Klara von hintern gelesen, mit verschobenem K und gelöschten L ergibt Kara. So wäre ich zwar ich, aber immer noch irgendwie du.‹
»Einverstanden.«
Dies sagte sie so laut vor sich hin, dass ein Reisender neben ihr sie verwundert ansah.

Sie konnte nicht sagen, wie lange sie, also Klara und Kara vor der Anzeigetafel gestanden haben mussten, bis endlich ein Zielort auftauchte, der verdammt hoch im Norden liegen musste. Die Ankunftszeit war für den späten Abend am kommenden Tag angezeigt.
Sie kaufte die Fahrkarte im Reisezentrum, bezahlte mit der Bankkarte und stellte dann mit Blick auf die Uhr fest, dass sie noch gut eine dreiviertel Stunde Zeit hatte, ein paar Kleinigkeiten am Bahnhofskiosk zu kaufen.
Sie freute sich auf die lange und sicherlich strapaziöse Bahnfahrt. Schon sehr lange war es her, dass sie das letzte Mal mit dem Zug gefahren war. Hatte man ein Auto, so wurde die Zugfahrt uninteressant. Dabei konnte man so entspannt reisen. Lesen, Rätseln und, wenn man wollte, neue Bekanntschaften schließen.
Sie erinnerte sich an eine flüchtige Bekanntschaft, die sie auf einem gemeinsamen Urlaub mit ihren Großeltern, gemacht hatte. Sie hatte einen deutlich älteren Jugendlichen, sie war damals gerade 13 Jahre alt, auf der ganzen Fahrt verliebt angeschaut.
›Denk an deine, unsere Absicht: Du, wir wollen alleine sein.‹
»Aber gegen ein gutes Buch, ein paar Rätselhefte und vielleicht eine Zeitschrift hast du nichts einzuwenden.‹
Kara gab keine Antwort, was wahrscheinlich als Zustimmung zu werten war.
Erwartungsvoll bestieg sie den Zug, nahm im reservierten Abteil Platz. Sie war froh, dass sie anscheinend noch alleine war. ›Wer machte sich schon zu dieser Jahreszeit auf den Weg in den hohen Norden‹, fragte sie sich.
›Wir, hörte sie Kara in sich zustimmend sagen.‹