Hors Saison II,XXII

Hors Saison Titelbild

»Anne, ich bin so dankbar über unser erneutes Zusammentreffen. Ich kann dir gar nicht sagen wie sehr. Mein Leben ist dabei eine Wendung zu nehmen, die ich mir bis vor Kurzem nicht vorstellen konnte. Und dazu hast du maßgeblich beigetragen.«
»Hannes ich kann dir nur zustimmen. Ich finde es wunderbar, in dir ein Gegenüber zu haben und mit dir vieles von dem austauschen zu können, was mir seit Langem auf der Seele brennt. Die Zeit mit dir ist sehr kostbar, um so mehr, weil ich spüre, dass sich unsere Wege bald schon wieder trennen werden. Ob für immer, das wird sich zeigen.«
Den letzten Satz sagte Anne mit einem hörbaren Unterton, der anzudeuten schien, dass sie sich dies gerade nicht wünschte. Hannes war seinerseits sichtlich berührt, wollte etwas sagen, wusste nicht so recht was und unterließ es dann.
»Glaubst du an das Schicksal?«
Annes Frage schreckte ihn aus seinen Gedanken auf.
»Schicksal?! Ich weiß nicht. Auf jeden Fall gibt es für mich keine höhere Macht, die unser Leben lenkt.«
»Ich bin ganz deiner Meinung. Zwar ist es mit unserer Freiheit, auch mit unserer Gestaltungsfreiheit nicht so weit her, wie viele dies gerne behaupten, gleichwohl ist für mich diese Erkenntnis nicht der Ausgangspunkt einer Vorstellung, nach der unser Leben durch eine Transzendenz geordnet wird. Letztlich sind und bleiben wir es doch, die die einzelnen Steine in unserem Lebensmosaik ablegen, wie sehr oder wie wenig andere Menschen oder Zusammenhänge darauf Einfluss nehmen.«
»Ja, mit jedem Ablegen verändert sich das Gesamtbild. Und das Kuriose daran ist, von der jeweiligen Gegenwart betrachtet, offenbart es uns eine nicht zu leugnende Seinslogik.«
»Wenn ich dies aufgreife, dann heißt dies für mich: Das Ablegen unserer Lebenssteine folgt einer inneren Logik, die wir durchaus Schicksal nennen können. So hat dich das Schicksal hierher geführt, oder die Seinslogik, wie du es ausdrückst, hat dazu beigetragen, dass du hier aufgetaucht bist.«
»Beigetragen, ist eine treffende Beschreibung. Es sind die vielen Kleinigkeiten, die dazu beitragen, eine Entscheidung so oder so zu treffen, diesen oder einen anderen Weg zu nehmen. Die Logik, die sich dabei offenbart, bleibt die des Augenblicks, nicht mehr aber auch nicht weniger.«
Hannes dachte kurz nach. Als er die Stimme zum Weiterreden erhob, klang sie sonderbar anders.
»Ach, was soll der Mensch verlangen?
Ist es besser, ruhig bleiben?
Klammernd fest sich anzuhangen?
Ist es besser, sich zu treiben?
Soll er sich ein Häuschen bauen?
Soll er unter Zelten leben?
Soll er auf die Felsen trauen?
Selbst die festen Felsen beben.
Eines schickt sich nicht für alle!
Sehe jeder, wie er’s treibe,
Sehe jeder, wo er bleibe,
Und wer steht, dass er nicht falle!«

»Wohlwahr. ›Eines schickt sich nicht für alle!‹ Diese Worte benennen auf angenehm schlichte Weise die Dramaturgie des Lebens und damit eine Grundfrage: Soll ich, oder soll ich nicht?«
»Meine Liebe, ich glaube diese Frage scheint mir doch zu kurzgegriffen. Ich kann nicht abstreiten, dass es sie gibt.«
Hannes unterbrach sich. Anne sah ihn verwundert an. Sie konnte weder dem Inhalt, noch der Vehemenz seiner Worte folgen.
»Vor vielen Jahren habe ich über diese Passage eine Klausur in Deutsch geschrieben. Es war nicht irgendeine Klausur. Es war die Klausur, die letzte, die alles Entscheidende in meinem Abitur. Meine Interpretation zu diesem Gedicht hat meinem Lehrer damals nicht gefallen, schlimmer noch, war Ausgangspunkt einer katastrophalen Benotung. Ich Nachhinein hatte ich den Eindruck, ich habe ihm endlich die Gelegenheit geliefert, mir eins auszuwischen. Bis dahin konnte er mir und meinen aus seiner Sicht abwegigen Interpretationen wenig entgegenhalten. Endlich konnte er Argumente ins Feld führen und sich dabei auf die gesammelte Meinung der bekanntesten Germanisten stützen. Meine Klausurbögen waren in roter Tinten getränkt. Es gab kaum eine Zeile, die meine Schrift unkommentiert erkennen ließ.«
»Das muss furchtbar gewesen sein.«
»Ach, im Grunde genommen war nur das Ergebnis furchtbar. Die Klausur, wenngleich sich die mündliche Nachprüfung korrigierend auswirken konnte, hat meinen Schnitt versaut und zunächst dazu geführt, dass ich nicht Medizin studieren konnte. In Folge dessen habe ich zunächst Journalismus studiert und bin so später zum Schreiben gekommen. Aber so recht betrachtet, war es vielleicht sogar besser so.«
»Auf jeden Fall sah mein werter Deutschlehrer, mit Verweis auf andere namhafte Autoren, in den zu interpretierenden Zeilen einen klaren Beleg für die Notwendigkeit, sich einem Schicksal und damit einer fernen, höheren Macht zu stellen. ›Orientierung kann nur Einer geben!‹ Dies stand in fetten Großbuchstaben am Rande meines Textes und war mehrfach unterstrichen, mit einer solchen Vehemenz, dass das Papier an einen Stellen aufgerissen war. Es war so, als wolle er mit diesem einen Satz mein Ich von seinen diabolischen Gedanken befreien.«
»Dein Lehrer als Exorzist!«
»Kann man in gewisser Weise sagen. Entschuldige! Die Erinnerung ist mit mir gerade etwas durchgegangen. ›Eines schickt sich nicht für alle!‹ Diese Stelle war die Schlüsselstelle meiner Interpretation. Und ich habe sie damals gerade nicht so verstanden, wie du es gerade mit deinen Worten gesagt hast. ›Eines schickt sich nicht für alle!‹ Es lässt sich aus ihnen gerade nicht die Frage ›Soll ich, oder soll ich nicht?‹ ableiten. Sie betont vielmehr die Einzigartigkeit und Unverwechselbarkeit jedes Menschen. Die von dir gestellte Frage suggeriert, dass es auf das ›Soll-ich-oder-soll-ich-nicht‹ eine festgelegte Antwort gibt.«
»Ich bin nicht sicher, ob ich dir noch folgen kann. Vielleicht ist die Frage etwas umzuformulieren: ›Kann ich, oder kann ich nicht?‹ oder gar ›Will ich, oder will ich nicht?‹.«
»Treffender. Ein ›Sollen‹ führt gedanklich auf Abwege, weil es das Sein mit festgelegten Vorstellungen verknüpft, die manchmal geradezu hinderlich seien können. Sollen ist die Frage nach dem ›Warum?‹, nach der Begründung eines Tuns. Nicht immer lassen sich jedoch Gründe finden. Jedoch lassen sich oft Zusammenhänge aus den den vielen Lebenssteinen, die wir bereits niedergelegt haben, beschreiben und erschließen.«
»Entschuldige, aber ich kann es gerade nicht anders formulieren: Soll ich, oder soll ich nicht?«
»Was?«
Anne sah ihn herausfordernd an.
»Du sollst!«
»Gut, ich will es auch.«