Hors Saison II,XXIII

Hors Saison Titelbild

Hannes erwachte früh am Morgen. Das matte Licht des Tagesanbruchs erfüllte den Raum. Anne lag mit dem Rücken zu ihm gewandt friedlich schlafend neben ihm. Seine Hand begann, ihren Rücken zu streicheln. Ziellos wanderte seine Hand auf und ab, erfasste jede Rundung. Sein Kopf näherte sich ihr und sog den Duft ihrer weichen und geschmeidigen Haut auf. Sie roch nach Sommer. Sein Mund öffnete sich und seine Zungenspitze begann zart auf ihrer Haut zu wandern. Er konnte den Hauch des Meeres, die Spuren der Sonne genauso schmecken wie ihren ganz eigenen Duft, der ihren ganzen Körper umgab.
Eine tiefe Zufriedenheit erfüllte ihn.
Irgendwann stand er auf, ging in die Küche, riss einen kleinen Zettel von einem Block und schrieb darauf: ›Ich bin am Strand‹. Diesen legte er auf seine Bettseite und verließ mit bedächtigen Schritten das Haus.
Die Kühle des Pinienwaldes hatte die stickige Luft des Vortages über Nacht vertrieben und erfüllte die Morgenluft mit Frische. Er atmete mehre Male tief ein und aus und breitete dabei die Arme aus. Der geschulte Blick hätte in seinen Bewegungen den Kondor mit seinen ausgebreiteten Schwingen erkannt. Vor einigen Jahren hatte er einen Sommer lang im Park an einem Qi-Gong-Kurs teilgenommen.
Die Füße vorwärtsschiebend bewegte er sich langsam vorwärts. Unter seinen Fußsohlen spürte er den Tau des Morgens.
Hannes erinnerte sich an eine Übung des Qi-Gong: Die Wolken auseinander schieben. Er schloss die Augen und war inmitten einer dichten Wolkenschicht, einer Ansammlung unzähliger kleinster Wasserpartikel. Schwebend schritt er durch weiche Daunenwolken. Als wolle er diese von sich wegschieben, begannen seine Arme diesen Gedanken aufzunehmen und vollführten entsprechende Bewegungen. Er konnte leichten Widerstand spüren. Eine Stimme sprach zu ihm: ›Alles Dunkle, Kranke und Verbrauchte schiebe du von dir weg und lass Licht und neue Kraft in dich hineinströmen!‹
Die angenehme Leichtigkeit, die ihn erfasste, konnte er noch spüren, als er sich längst wie ein Stück Treibholz auf dem Meer dahintreiben ließ.

Hannes erkannte Anne sofort, als sie auf der Düne stand und nach ihm Ausschau hielt. Er winkte ihr zu. Nach einer Weile sah sie ihn, lief die Düne hinab und war schon wenig später neben ihm im Wasser.
»Danke, dass du mir dieses Mal eine kurze Nachricht hinterlassen hast. So brauchte ich mir keine weiteren Gedanken machen.«
Hannes nickte ihr lächelnd zu. Dann tauchte er unter, verschwand in der Tiefe. Anne ging davon aus, dass er unmittelbar wieder auftauchen würde, war gefasst darauf, ihn bald schon unter sich zu spüren. Sie spannte ihren Körper an, um gegebenenfalls schnell reagieren zu können, wenn er versuchen sollte, sie an ihren Beinen in die Tiefe zu ziehen.
Hannes tauchte aber nicht wieder auf. Anne wurde unruhig und drehte sich ängstlich suchend um die eigene Achse. Er war nirgends zu sehen.
Das Ufer war gut einhundert Meter entfernt, das Meer nicht allzu stürmisch. Wellenkamm für Wellenkamm versuchte sie, Ausschau zu halten, konnte ihn aber nirgends ausmachen.
Eine Weile sah sie konzentriert an den Strand. Sie hoffte, er würde mit der nächsten Welle an Land gespült und bald schon ihr zuwinken.
Nichts dergleichen geschah. Langsam ergriff sie Panik. ›Nicht schon wieder‹, sagte etwas in ihr.
Unschlüssig darüber, was sie machen könnte, verharrte sie, drehte sich ein um das andere Mal um die eigene Achse.
Langsam verschwand etwas in ihr, von dem sie selbst nicht sagen konnte, was es war. Eine große Leere breitete sich stattdessen aus. Die Zeit zog sich, unerträglich. Anne stieß einen Schrei aus. Noch einen und noch einen. In ihrer Panik begann sie, mit ihren Händen auf die Wasseroberfläche einzuhauen. Plötzlich wurde ihr schwarz vor Augen.

»Anne!«
Sie öffnete die Augen. Hannes sah sie besorgt an.
»Wo bin ich? Sind wir tot?«
»Tot? Wie kommst du denn darauf?«
»Das Letzte, an das ich mich erinnere, wie wir draußen auf dem Wasser waren, du plötzlich untergetaucht und verschwunden bist.«
»Verschwunden? Ich halte es recht lange unter Wasser aus. Ich weiß nicht wie lange ich unter Wasser war. Ich habe dich jedenfalls immer über mir schwimmen gesehen. Als ich dann aufgetaucht bin, warst du nur noch ein für leblos scheinender Körper. Ich habe dich gleich wie ein Rettungsschwimmer umschlungen und dich so schnell wie möglich an Land gebracht. Du hast mir einen ganz schönen Schrecken eingejagt.«
›Du mir auch‹, dachte sie, konnte es aber nicht aussprechen.

»Ich bin mir nicht sicher, ob ich dir nochmals an den Strand folgen werde. Immer passiert etwas absolut Traumatisches.«
»Tut mir leid. Ich hätte dich warnen sollen.«
»Warnen? Wovor?«
»In deinen Augen bin ich vielleicht nur ein Tourist. Dieses Meer kenne ich aber seit meiner Jugend und zudem bin ich kein schlechter Schwimmer und Taucher.«
»Darum geht es doch nicht. Es hätte wirklich etwas mit dir passiert sein können.«
»Du hast recht.«
Hannes strich ihr eine Strähne aus dem Gesicht, nahm ihr Gesicht zwischen seine Hände und küsste sie.
»Entschuldige.«
»Ist schon gut.«
Beide ließen sich auf den Rücken zurückfallen. Die Arme angewinkelt lagen sie da und ließen sich vom Meerwasser umspülen. Die eine oder andere größere Welle hob ihre Körper für Sekundenbruchteile an und setzte sich sogleich wieder sacht ab.
Nach einer Weile wendete Hannes den Kopf zu ihr.
»Soll ich dir von der die Lektion des Kommas erzählen.«
»Was ist denn das? Ein Wortspiel?«
»Nein«, antwortete Hannes und erhob dabei die Stimme. »Es ist die Geschichte einer wahren Begebenheit.«
»Dann bin ich aber gespannt.«
»Also, dass ich Romane schreibe, dies hast du schon mitbekommen. Eines Tages hatte ich eine fürchterliche Auseinandersetzung mit meinem n Lektor, über ein Komma. Immer und immer wieder versuchte er, mir begreiflich zu machen, dass nach der neuen Rechtschreibung das Komma weggelassen werden könne, nein müsse. Ich wollte mich nicht darauf einlassen. ›Dann wir das Buch halt nicht gedruckt‹, versuchte er, mich einzuschüchtern, und verließ wutentbrannt das Zimmer.«
Anne schüttelte ungläubig den Kopf.
»Das kann doch nicht sein. So viel Ärger wegen eines Kommas.«
»Ich habe ihm damals zu vermitteln versucht, dass die ersten Abschriften der Hebräischen Bibel ganz ohne Satzzeichen, sogar ohne Vokalisation ausgekommen seien.«
»Ach, ja?«
»Stell dir vor tausende von Schriftzeichen aneinandergereiht. Für mich ist dies zu einem Sinnbild eines geordneten Chaos geworden. Auf den ersten Blick ist es fast unmöglich, etwas zu erkennen, einzelne Worte zu entziffern. Bei genauerem Hinsehen und mit geübtem Blick, erschließt sich dann plötzlich der Text. Man hat fast den Eindruck, anders ginge es gar nicht.«
»Was willst du mir eigentlich sagen? Ich meine, was ist deine Botschaft? Es geht doch nicht wirklich um ein Komma?!«
»Ja und nein. Die Auseinandersetzung um dieses eine Kommen ist derart eskaliert, dass mein Verleger, vom Lektoren über den Sachverhalt informiert, mir mitteilen ließ, dass Buch würde ohne Komma nicht gedruckt.«
»Was erzählst du mir da?«
Anne sah ihn prüfend an.
»Ich kann dir nicht folgen, noch recht glauben, dass du kein Seemannsgarn spinnst.«
»Glaube mir. Dies hat sich alles genau so zugetragen. Der Verlag, bei dem ich  mein erstes Skript vorgelegt hatte, war gerade neu auf dem Markt und wollte mit dem Mainstream gehen, wie man heute sagt. Neue Autoren in neuer Rechtschreibung.«
»Ich kann immer noch nicht glauben, was du sagst.«
»Auf jeden Fall habe ich das Skript damals zurückgezogen und bin eine Zeitlang Taxi gefahren. Ich kam mir vor wie ein Maler, dem man sagt: ›Das Bild ist ja nett, aber richtig gut wäre es, wenn dieser Strich nicht da wäre.‹ Verstehst du mich jetzt?«
»Ja. Ich hatte mal eine Auftragsarbeit, sollte das Foto eines Kunden in Aquarell nachmalen. Als dieser das Bild abholte, war er entsetzt. Ich hatte nicht das Foto abgemalt, sondern mein eigenes Bild von der Dünenlandschaft. ›Das ist nicht mein Bild, das ich Ihnen gegeben habe‹, schrie er mich fast an. ›Nein‹, erklärte ich gelassen und ergänzte ›Lassen Sie mein Bild ruhig hier. Offensichtlich haben Sie ja eine feste Vorstellung und können sie sicher umsetzten.‹ Darauf verließ er wütend mein Atelier und kam nie wieder.«
»Heute kann ich über die Geschichte mit dem Komma schmunzeln. Damals hat sie mich gut ein Jahr daran gehindert, überhaupt ein Wort in die Schreibmaschine zu tippen.«
»Manche wollen halt nur Kitsch.«
»Kitsch?! Nun versteh ich nur Bahnhof.«
»Später, vielleicht. Komm!«