Ein Tag als colector de café

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Der Tag begann früh um 5 Uhr. Juan Pablo fuhr mit mir auf seinem Motorrad, einer 125 cm Maschine, über die holprige und zum Glück trockene Strecken zur kleinen Sammelstelle, an der sich jeden Morgen die Kaffeeplücker, darunter auch einige Frauen, einfinden.

Bei der Sammelstelle bekam ich einen Kaffee mit panela gereicht, gab meine persönlichen Daten an und erhielt meinen Sammeleimer, coca  genannt, nebst 4 Sammelsäcken á 50 Kilo Füllvolumen. Meine Tagesnummer war die 38, die ich sowohl bei den Mahlzeiten und an den Sammelstellen bei der Abgabe meiner Säcke angeben musste.

Ein erster Blick auf die anderen verriet mir, dass die Bekleidung sehr unterschiedlich ist. Einige schlüpften in ihre Plastiksäcke, manche zogen alte T-Shirts über den Kopf und darüber einen Hut, alles zum Schutz gegen die Moskitos. Andere schienen weder Schutz gegen die Sonne noch gegen Moskitos zu brauchen und marschierten mit ihren zerfetzten Hemden los. Uns allen gemein waren die Gummistiefel. Bei meiner Bekleidung war mir vor allem daran gelegen, gegen Moskitos ausreichend geschützt zu sein: lange Hose, T-Shirt mit aufgestelltem Kragen und darüber ein langärmliges Hemd, um den Kopf ein Halstuch, so drapiert, dass wenn nötig nur noch meine Augen sichtbar wären und darüber noch eine Kappe. Für mögliche Regen, hatte ich noch ein Cape in meinem Rucksack. Ansonsten hatte ich mich am Morgen ausreichend mit Insektenschutzmittel eingerieben. Ich war gespannt, ob meine Vorsichtsmaßnahmen ausreichen würden.

Das Wetter am Morgen war bewölkt und von den Temperaturen noch angenehm kühl. Über Tag sollte es deutlich heißer werden, wenngleich die Sonne nur am Nachmittag ihre volle Kraft entfalten sollte.

 

Der Weg zum heutigen Kaffeefeld war mühsam und führte steig bergab und dann wieder bergan und brachte den Kreislauf gleich auf Hochtouren. Oben angekommen wies mir einer der Vorarbeiter den weiteren Weg hinein in ein vor uns liegendes großes Kaffeefeld. Etwas ratlos versuchte ich mir Klarheit darüber zu verschaffen, was nun meine Aufgabe sei, bzw. wo ich mit dem Pflücken zu beginnen hätte. Ein anderer Vorarbeiter mit einem langen Bambusstock , an dem ein Fetzen Plastik als eine Art Fahne befestigt war, kam auf mich zu, gab mir eine kurze Einweisung in das Pflücken und wies auf die für mich vorgesehene Reihe von Kaffeesträuchern.

Sogleich begann ich meine Arbeit und wurde anfangs  vom Vorarbeiter kritisch beäugt. Er gab mir einige wichtige Tips, ließ sich aber im weiteren Verlauf des Tages  nicht mehr blicken. Die neben mir arbeitenden anderen Pflücker waren anfangs noch in der Nähe, bald schon nur noch in Hörweite, später auch dieses nicht mehr. So bekam ich später nicht mit, dass die Frühstückspause längst angebrochen war und wurde von einem von dieser Zurückkehrenden darauf hingewiesen.

Schnell wurde mir klar, dass das Pflücken ein mühsames Geschäft ist. Anders als am Vortag, wo es noch hieß, man würde nur die roten Kaffeefrüchte ernten, war mir vom Vorarbeiter gesagt worden, alle Früchte, die zwischen einer mehr oder weniger kräftig gelben Färbung und rot liegen würden, seien zu ernten. Später wurde mir dann auch klar, warum dies allzu notwendig ist. Das Reifen der Kaffeefrüchte dauert von der weißen Blüte bis zur roten  Frucht acht Monate. An einem Kaffeestrauch wachsen aber Früchte in unterschiedlichen Reifestadien, so dass man sorgsam die Reifen aberntet und damit gleichzeitig Platz für die Nachwachsenden schafft. So wird verständlich, warum sich die Ernte auf weite Teile eines Jahres erstreckt. Bei einem Gespräch am Nachmittag an der zweiten Sammelstelle, bei der ich Octavio, den Besitzer,  wieder traf und wir uns eine Weile unterhielten, erklärte mir dieser, die Mechanisierung der Kaffeeernte sei im Kommen und es wäre nur noch eine Frage der Zeit, wann es auch in Kolumbien dazu käme. In Brasilien sei dies schon in weiten Teilen der Fall. Da verstand ich seinen Hinweis vom Vortage, die Brasilianer würden alles pflücken. Klar, dass eine Maschine nicht zwischen reifen und weniger reifen Früchten unterscheiden kann. Auf meinen Einwand, dass mit der Technisierung die Kaffeepflücker um ihre Arbeit beraubt würden, ging er nicht weiter ein. Jede Technisierung bringt ja zunächst den Besitzer eine Steigerung des Umsatzes. Die Qualität des Kaffees nimmt damit sicherlich ab. Dies wird wohl eher billigend in Kauf genommen, ist ja jede Umsatzsteigerung zunächst verlockend.

 

Zurück zu meinem Pflücken. Mühsam ist dieses vor allem dann, wenn die Pflanzen deutlich unterschiedlich gereifte Früchte aufzuweisen haben und man die Reifen mühsam zwischen den Grünen auslesen muss. Denn eines war mir klar: Die Grünen sollen keinesfalls im coco landen.

Es dauerte recht lange, bis ich meinen ersten vollgefüllten 10 Litereimer in einen meiner Säcke entleeren konnte. Dabei musste ich den mühsam umgebundenen Eimer wieder lösen, was gar nicht so einfach war, hatte sich der Knoten der Plastikschnur fast unlösbar festgezogen. So landeten einige Kaffeefrüchte unfreiwillig auf dem Boden und mussten wieder aufgelesen werden.

Zur Frühstückspause sollte noch ein weiterer halber Eimer dazukommen. Gegen Mittag, als ich nicht wieder der Letzte sein wollte, machte ich mich irgendwann bepackt mit meinem schweren Sack auf den Weg zum Ausgangspunkt und wurde dort  zur Sammelstelle des Vormittags geschickt. Bis dorthin war ein kleiner Fußmarsch zurückzulegen. Insgeheim war ich froh, keinen vollen 50 Kilosack oder gar mehr schleppen zu müssen. Das Ergebnis des Vormittages: 31,75 Kilo. Der Vorarbeiter rundete auf 30 Kilo ab und grinste süffisant: „Der Rest ist Trinkgeld.“ Was sollte ich darauf entgegnen.

Am Nachmittag setzte ich die Arbeit an einer anderen Stelle fort. Ich folgte, ohne weitere Anweisung bekommen zu haben, einfach einem anderen Arbeiter. Von diesem wurde ich mehrfach darauf hingewiesen, dass die von mir in den Blick genommene Reihe an Kaffeesträuchern bereits von ihm auserkoren worden sei. So blieben mir Kaffeepflanzen, die kaum etwas hergaben, dafür aber viele von den vertrockneten vertrockneten Früchten aufwiesen. Ein Zufall, wohl kaum. Als „Neuling“ fängt man halt überall ganz unten an und hat sich erst einmal mit „niederer Arbeit“ zu begnügen. Immerhin gesellte sich ein anderer Arbeiter zwischendurch zu mir und gab mir nochmals nützliche Tipps beim Pflücken. Meine Hände waren mittlerweile sichtbar dreckig geworden und leicht klebrig. Dieser verwies auf seine sauberen Hände und machte mir deutlich, dass meine schmutzigen Händen etwas mit  der Art meines Pflückens zu tun hätten.

In den folgenden Stunden bis zum späten Nachmittag wurde mir klar, dass ich es mit den mir zugewiesenen Sträuchern kaum zu einem nennenswerten Tagesertrag bringen konnte. Am Ende sollte ich es gerade mal auf weitere 20 Kilo bringen, d.h. 50 Kilo für meinen ersten Tag, umgerechnet in Pesos die kleine Summe von 25.000 Pesos, umgerechnet 7,74 €. Was für ein Tagesverdienst, wenn man bedenkt, dass das Essen des Tages davon noch abgezogen wird. Von einem Arbeiter daraufhin angesprochen erklärte ich: „Ich glaube heute wird meine Familie nichts zu essen bekommen.“ Der Arbeiter lächelte und zog seines Weges.

Mit den anderen erfahrenen Pflückern konnte ich nicht mithalten. Ihr Tagesergebnis liegt in der Regel zwischen 150 und 200 Kilo. ‚Wenn sie sich immer die besten Sträucher mit den satten roten Früchten aussuchen, die man zum Teil nur vom Ast abstreifen muss und dies in Sekundenbruchteilen, dann ist das auch kein Wunder‘, sagte ich mir.

Die Arbeit einen Tages machte eines deutlich: Es ist eine harte Arbeit und wirklich „mühelos“ nur von erfahrenen Pflückern zu bewerkstelligen. Da die körperliche Anstrengung, vor allem das Tragen der vollen Säcke zu den Sammelstellen,  mir in Anbetracht der auf mich in den kommenden Tagen wartenden Arbeit für meinen Rücken zu gewagt schien, beschloss ich kurzerhand, es bei dem einen Tag bewenden zu lassen. Zudem blieb der erhoffte Kontakt zu den anderen Pflückern und die Möglichkeit mich in Sprechen des Spanischen zu üben aus. Dies erleichterte meine Entscheidung. Kaffeepflücker scheinen eher Einzelgänger zu sein. Kommunikation hindert beim Pflücken, kostet Zeit und mindert damit den Ertrag. Auch  bei den Mahlzeiten saß jeder nur vornübergebeugt über seiner eigenen Essschale.

Es war dennoch eine tolle Erfahrung. Die Wertschätzung für die harte Arbeit bei der Ernte ist gestiegen und greifbarer geworden. Das einzelne Pflücker bis ins hohe Alter, d.h. über das Rentenalter hinaus, dieser Arbeit täglich nachgehen, ist kaum vorstellbar. Es zeigte sich mir eine vor allem harte Männerwelt, in der nur einige Frauen dauerhaft vorzudringen vermögen. Das idyllische Bild von pflückenden Arbeitern in einer einzigartigen Landschaft musste ich revidieren. Dafür hatte sich meine sorgsame Bekleidung gegen lästige Moskitos bewährt.

Auf meiner Rückfahrt nach Bogotá habe ich in Gedanken weitergepflückt.

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Unverhoffter Fund: einsames Vogelnest