Ich lausche dem Feuer des Herzens XIV

OhneTitel

Von Ferne sah er eine Gestalt auf sich zukommen. Zunächst hielt er sie für den vermissten Alten. Beim Näherkommen erkannte er einen Jungen mit einem Wollumhang und einem alten Panamahut, der an manchen Stellen schon so zerschlissen war, dass man auf das dunkelschwarze Haar darunter durchschimmern sah.
»Kannst du mir sagen, wo Juan ist?«, wollte er von dem Jungen wissen.
»Ich kenne keinen Juan«, entgegnete dieser.
»Ein alter Mann mit einem Esel. Ich war mit ihm unterwegs.«
»Alte Männer mit Eseln gibt es hier im Hochland so einige. Aber ich kenne keinen mit Namen Juan.«
Resigniert wollte er weitergehen, als er plötzlich von einer Meute älterer Herren umringt war. Sie zogen einen dichten Kreis um ihn und gingen auf ihn zu. Panik ergriff ihn. Er wollte weglaufen, erkannte aber seine aussichtslose Lage. Ängstlich und irritiert zugleich blieb er stehen. Die alten Männer zogen Grimassen und fletschten ihre Zähne wie wilde Tiere.
Er schloss die Augen und hoffte wie damals als Kind, dem Augenscheinlichen zu entkommen. Als er die Augen wieder öffnete, musste er zu seinem Erstaunen feststellen, dass die alten Männer verschwunden waren.
Der Junge saß unweit im Schatten eines Baumes. Er ging auf ihn zu und sprach in an.
»Sag, was waren das für Männer eben. Sie sahen ja furchterregend aus, wie aus dem Gefängnis entlaufene und in die Jahre gekommene Sträflinge.«
»Du scheinst eine blühende Phantasie zu haben. Ich habe niemanden gesehen. Geht es dir nicht gut?«
»Doch, doch. Es ist nur …«
Er brach mitten im Satz ab.
Lange stand er schweigend vor dem Jungen, der gedankenverloren mit einem Stock Striche auf den Boden zog. Er glaubte, Schriftzeichen zu erkennen.
›J U A N‹, war deutlich zu entziffern.
»Heißt du Juan?«, wollte er vom Jungen wissen. Dabei sah er ihn ungläubig an.
»Ja, wie kommst du darauf?«
»Du hast deinen Namen doch soeben in den Sand geschrieben.«
»Was habe ich?«
Als er auf den Boden zeigte, war der Schriftzug verschwunden.
»Ich glaube, ich bin nicht ganz bei Sinnen.«
»Scheint mir auch so«, stimmte der Junge ihm zu.
»Was führt dich in diese verlassene Gegend? Du siehst nicht so aus, als stammtest du von hier.«
»Ich bin auf einer Art Reise.«
»Reise. Wohin willst du? Hier ist doch nichts.«
»Nun ja, ich habe gehört, dass ich irgendwo in dieser Gegend einen Weisen antreffen kann, der mich in die Geheimnisse des Lebens einweist.«
»Geheimnisse des Lebens? Du bist mir ein ulkiger Kauz. Es gibt hier keine Geheimnisse. Mir scheint, für euch Stadtmenschen ist alles ein Geheimnis. Ihr wollt euch damit wohl davor schützen, dem wirklichen Leben nahe zu treten.«
»Gibt es hier draußen keine Geheimnisse?«
Einen Moment stutzte er. Wie konnte er solch eine Frage einem Jungen stellen, der kaum älter als zehn zu sein schien.
»Hier ist alles offenbar. Es ist alles, wie es ist. Keiner macht sich Gedanken über den Lauf der Dinge. Sieh dieses Blatt!«
Dabei hob er ein frisch abgefallenes Blatt vom Boden auf und reichte es ihm.
»Sieh es dir an und sag mir, welches Geheimnis es dir verrät!«
Er betrachtete das Blatt von allen Seiten und schüttelte schließlich den Kopf.
»Dieses Blatt enthält kein Geheimnis. Es ist ein Blatt, was mehr?«
Ratlos ließ er das Blatt auf den Boden fallen. Trieb dieser Junge seine Späße mit ihm?
»Das Blatt ist in der Tat das, was es ist. Es könnte auch ein Stuhl oder ein Haus sein, wenn wir Menschen uns einst entschieden hätten, es anders zu benennen. So ist und bleibt es ein Blatt.«
Verwundert sah er den Jungen an.
»Warum stellst du mir eine so unsinnige Frage, wenn es doch keine Antwort gibt?«
»Es gibt sie schon«, erwiderte der Junge mit geschürzten Lippen.
»Willst du sie hören?«
Er spürte, wie Ärger über den leicht überheblichen Tonfall des Jungen in ihm aufstieg.
»Nun mach schon, ich habe keine Zeit für weitere Späße. Ich muss meinen Weg fortsetzen und habe heute noch eine weite Strecke vor mir.«
»Wenn du keine Zeit hast, will ich dich nicht länger aufhalten. Ich dachte nur …«
»Was?!«
Seine Stimme begann zu beben.
»Ich meinte gehört zu haben, du wolltest die Geheimnisse des Lebens ergründen.«
»Kannst du endlich auf den Punkt kommen!?«
»Nicht so ungeduldig mein Herr. In der Ruhe liegt doch bekanntlich die Kraft. Warum hast du es so eilig? Schau die Schildkröte an. Sie lässt sich in vielem Zeit und wird doch älter als viele von uns Zweibeinern. Ich meine mich zu erinnern, dass jemand mal gesagt hat: Wenn man die Ruhe nicht in sich selbst findet, ist es vergebens, sie anderswo zu suchen.«
Der Junge machte eine kurze Pause.
»Was suchst du also hier?«
»Jetzt reicht es mir wirklich, entweder …«
Weiter kam er nicht. Der Junge unterbrach ihn.
»Bewahre Ruhe mein Herr! Ich will dir etwas vom Wesen dieses von dir arglos niedergeworfenen Blattes erzählen.«
Dabei hob der Junge das Blatt wieder auf und hielt es würdevoll in die Höhe.«
»Dieses Blatt ist an Einzigartigkeit nicht zu übertreffen. Zeig mir ein Blatt, das diesem gleicht! Du wirst es nicht finden.«
Beschämt musste er nicken.
»Mehr noch, ihr Stadtmenschen macht aus allem ein Geheimnis und habt dabei den Blick für das Offensichtliche verloren. Zwischendurch sprecht ihr wie du eben gar von Erscheinungen und glaubt, wenn ihr sie erklären könntet, würdet ihr dem Geheimnis des Lebens näher kommen. In euren Köpfen entsteht ein Knäuel, ein ganzer Wust an Gedanken, den zu enträtseln ihr am Ende selbst nicht mehr in der Lage seid. Und dann macht ihr euch auf den Weg, beginnt eine Reise, um …«
Erneut unterbrach der Junge seine Ausführungen.
»Unwichtig, alles völlig überflüssig. Du hättest zu Hause bleiben können. Wenn du das Wesen dieses Blattes nicht erfassen kannst, hättest du dich gar nicht erst auf den Weg machen müssen. Und wenn du es jetzt erfassen würdest, könntest du sogleich nach Hause eilen.«
Eine lange Pause trat ein, während der er den Jungen ratlos ansah und mit Blicken zum Weiterreden ermunterte.
Schließlich ergänzte dieser:
»Wann hast du dich das letzte Mal im Spiegel betrachtet, richtig, meine ich?«

Spät in der Nacht fand er endlich Schlaf, so aufgewühlt war er. Der Traum jedoch war längst in die Tiefe seines Unbewussten hinabgetaucht.