Ich lausche dem Feuer des Herzens XV

OhneTitel

Am nächsten Morgen konnte er das ganze Ausmaß seiner geschundenen Hände in Augenschein nehmen. An einigen Stellen hatten sich eitrige Blasen gebildet. Kleine schwärzliche Striche verrieten, dass sich eine ganze Anzahl von Holzsplittern unter die Haut gebohrt hatte. Nur bei Einigen gelang es ihm, diese mit gespitzten Fingern herauszuziehen.
Den aufkommenden Ekel ignorierend öffnete Aloisius die Hose und pinkelte erneut über seine Handflächen. Für einige Zeit würde der mit den Verletzungen einhergehende Wundschmerz auf ein erträgliches Maß reduziert werden.
Mit einem Mal erfüllte ihn der Schmerz über sein eigenes Dasein. Er wurde sich bewusst, dass dieser Schmerz viel tiefer saßen, als jeder einzelne Holzsplitter, der in seinen Handflächen steckte.
Unmerklich begann er, mit dem Kopf zu nicken und dabei stieg der Satz eines vom Leben Geschundenen in ihm auf: ›Nur sein eigenes Fleisch macht ihm Schmerzen, und nur um ihn selbst trauert seine Seele.
War er so sehr mit sich selbst beschäftigt, dass er die tieferen Geheimnisse des Seins nicht ergründen konnte? Hatte er sich auf den Weg gemacht, um von sich selbst loszukommen? Wie sollte ein Mann voller Schmerz um sich und sein Dasein, mehr dem Tode geweiht als dem Leben, den Klauen des Niedergangs entweichen? Konnte man je dem eigenen Ich entfliehen? Und worin lag letztlich jeder Versuch, es doch zu tun, begründet?
Etwas in ihm schrie auf, war bemüht, dem Gedachten irgendetwas entgegenzuhalten, eine Kleinigkeit nur. Ein Knäuel aus Gedanken, Absichten und guten Vorsätzen war in seinem Kopf so fest gezurrt, fester als es sich bislang eingestehen wollte.
In der Absicht, seinen eigenen neuronalen Blitzen auszuweichen, sah er sich hilfesuchend um. Nicht weit entfernt entdeckte er ein Staudengewächs mit imposanten Blättern. Die riesigen übergroßen Fächer bewegten sie sich im leichten Fallwind, der am Morgen vom Hang herab ins Tal fiel.
Als er näher kam und ein Blatt gegen das Licht der Vormittagssonne betrachtete, erschauerte er. Das Blatt offenbarte sich ihm in aller Pracht. Zunächst fesselte ihn das satte Lindgrün, das zur Mitte hin einen bräunlich grünen Blattstiel einfasste. Erstaunlich, wie gerade er war. Er glich einer langen schnurgeraden Landstraße und verlor sich wie sie am Horizont seines Blickfeldes. Zu beiden Seiten breiteten sich unzählige geschwungene Adern zum Blattrand hin aus. Sie folgten in Abstand und Größe keinem erkennbaren Muster. Senkrecht von oben verlaufende hellere Partien schienen etwas von der Blattgeschichte erzählen zu können, vom mühsamen Prozess des sich Auseinanderrollens und sich Entfaltens. An einigen Stellen wiesen leicht bräunlich gelbe Stellen auf Verletzungen hin. Auch diese Pflanze kannte offensichtlich den Schmerz.
Besonders fasziniert war Aloisius von der geschwungenen Blattkante. Sein Gesicht näherte sich dem Blatt, sog den Duft des Grüns ein und fuhr fast zärtlich über die Oberfläche. Jede Erhebung, Verjüngung und Verdickung konnte er spüren. Er war tief bewegt.
Wozu all diese Majestät eines einzigen Blattes, dessen Existenz außer ihm bislang keine wahrgenommen und wohl je wahrnehmen würde? Mit einem Mal fühlte er sich diesem Blatt auf Innigste verbunden. Unter mehr als sieben Milliarden Individuen war es schwer, dem Einzelnen noch etwas Besonderes abzugewinnen. Es mochte sein, dass es einigen im Leben gelang, sich von der breiten Masse abzugehen. Er gehörte nicht dazu, wiewohl er in seinem zurückliegenden Leben manches dafür gegeben hätte, dass auch seine Einzigartigkeit von mehr als von einer Hand voll Menschen wahrgenommen worden wäre.
Aloisius umschlang das Blatt, bemüht es dabei nicht zu verletzen. Jeder Beobachter hätte das nun Folgende, diesen seltsamen Tanz, dieses Hin- und Herwiegen für absonderlich gehalten. Für ihn war es einer jener dichten Augenblicke im Leben, für den zu leben sich lohnte. Augenblicke, in denen es kaum mehr möglich, zwischen sich und seiner Umgebung den sonst gewünschten scharfen Trennungsstrich zu ziehen. Es war ein ineinander Aufgehen.
Tränen liefen und liefen. Der Schmerz und manche Bedrückung vergangener Tage brachen hervor und gingen auf in den sachten Bewegungen des ihn weit überragenden Blattes.

Eine ganze Zeit noch saß Aloisius an den zarten aber kräftigen Stamm der Staude gelehnt, über sich das unablässig und sachte Wedeln der Blätter, die ihm Schatten spendeten und vor der bereits stechenden Sonne Schutz gaben.
Der tiefe Schmerz, der sich zeitweise seiner bemächtigt hatte, war nun einem inneren Gefühl tiefer Ruhe und Entspannung gewichen.

Ohne weiter darüber nachzudenken, ob der Alte vielleicht doch noch auftauchen würde, brach Aloisius auf.