Ich lausche dem Feuer des Herzens XIX

OhneTitel

In den folgenden Stunden wurde Aloisius von einer tiefen Unruhe ergriffen. Nur mühsam schritt er voran und nahm dabei immer weniger von seiner Umgebung wahr.
Der nach innen gerichtete Blick rief diverse Bilder und Szenen aus seinem bisherigen Leben ins Bewusstsein. Gelegentlich blieb er stehen, so als hindere in die Bewegung seines Körpers am genauen Hinschauen. Was er sah, ergriff ihn, wühlte etwas in ihm auf, von dem er nicht recht sagen konnte, was es war. War es das Erlebte oder ein alter längst im Körper vergrabener Schmerz? War es gar das Gefühl, dies unbändige Ergriffensein von der Tatsache, am Leben zu sein?

Auf einer Anhöhe verharrte Aloisius lange. Es sah zunächst in die weite Ebene eines vor ihm liegenden Tales hinab. Der Horizont öffnete sich.
So als könne er die Weite in sich aufnehmen, atmete er tief durch und schloss die Augen. Was er nun sah, warf ihn um. Er stürzte zu Boden, ohne dabei die Augen zu öffnen.

Er befand sich in einem dunklen Wald. Durch die Wipfel der Baumkronen fielen fahle Lichtstreifen. Ringsum war kein gangbarer Weg durch das Dickicht aus Gräsern, Sträuchern und Baumen auszumachen. Diese Ausweglosigkeit hatte etwas Beängstigendes. Sein Atem wurde flacher und schien sich zu überschlagen. Langsam verlor das Bewusstsein, fiel in sich zusammen, glitt abwärts wie ein vom Baum fallendes Blatt.
Der Aufprall auf dem von Moos bewachsenen Boden war sanft. Dann gab der Boden unter ihm nach, verschlang ihn. Eine warme, feuchte Höhle empfing ihn.
Tastend vorwärtsschreitend fand sein Gang kaum Halt. Seine Füße versanken in knietiefen Spalten. Als seine Kräfte zu schwinden begannen, rang er fast panisch nach Atem. Die Hitze wurde unerträglich. Und doch etwas drängte ihn, weiter zu gehen.
›Wer oder was steuert mich, treibt mich voran?‹, fragte er sich. Seine Gedanken waren wie aufleuchtende Ionenblitze. Anders als sonst war es mit ihrem Aufflackern aber um sie geschehen. Der Geist vermochte nicht, wie gewohnt das Erlebte mit alten Strukturen zu knüpfen.
Ein Sein, ohne Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. War dies der Ursprung allen Seins? Ein Sein im Nichtsein. Bis etwas dieses Nichtssein mit einem beherzten Sprung  ins Dasein bringt.
›Was macht aus Nichts Etwas, was aus Nichtsein Sein?‹, diese Frage hatte ihm von Kindesbeinen schlaflose Nächte beschert, Nächte, in denen er stundenlang aus dem Fenster in die Dunkelheit starrte, ohne wirklich etwas erkennen zu können.
›Wo bin ich?‹
Dieser Gedanke hätte ihn beinahe aus dieser anderen Wirklichkeit herausgerissen.
›Träume ich?‹
Sein Geist war erfüllt von einer seltenen Klarheit. Weder wach noch träumend wandelte er an einem Ort zwischen Sein und Nichtsein.
Was er fühlte, war beängstigend und beglückend zugleich. Es war, als sehe sein Geist tief hinab in das Innere des Seins. Er sah und sah doch nicht. Sein Sehen war von einer anderen Art, einer Art, zu der er vorher und hinterher nicht mehr Zugang haben sollte. Und da war etwas zwischen Sein und Nichtsein, was er deutlich spüren konnte.
Sein Geist sprang und sprang. Im Grunde aber agierte auch er nicht wirklich. Es schien, als würde zwischen zwei sich unterschiedlich geladenen Polen etwas Drittes ins Sein katapultiert, mit einer solchen Kraft und Energie, dass es für den willenlosen Geist, noch mehr für den sonst vom Geist gesteuerten Körper unmöglich war, sich zu entziehen. Körper und Geist Getriebene, ins Dasein geschleuderte Formen eines Sein.
Plötzlich stand etwas vor ihm, eine Art Gestalt ohne Wesen, leuchtend und blendend wie ein grelles Licht. Während der Körper den Weg fortsetzte, hielt der Geist einen Augenblick inne, formte geradezu magisches Worte: ›Hauch, erfülle uns! Nimm Besitz von uns! Zieh uns hinein ins Sein!‹
Im nächsten Moment verschwanden Geist und Körper in einer tiefen Dunkelheit, schwärzer als das Nichts. Der Hauch eilte ihnen voran und wies den Weg. Erst als sich sein Licht mit einem anderen Licht zu vermengen schien, sprang er zurück, um sich mit beiden zu vereinen.
›So wird aus Nichtsein Sein, oder besser gesagt, aus nicht wahrnehmbaren Sein manifestiertes Sein.‹

Dies war der letzte Gedanke, der in Aloisius aufleuchtete, bevor er in einen tiefen traumlosen Schlaf fiel, aus dem erst am nächsten Morgen erwachte.

Die ersten Sonnenstrahlen wecken ihn und gaben seinem Gesicht einen schillernden Glanz. Sein Geist war erfüllt von einem Gedanken, den er vor langer Zeit aufgeschnappt und der ihn damals tief bewegt hatte:

Schließe dein leibliches Auge, damit du mit dem geistigen Auge zuerst sehest dein Bild. Dann fördere zutage, was du im Dunkeln gesehen, dass es zurückwirke auf Andere, von außen nach innen.

In Gedanken entstand das Bild einer Landschaft, die in ihrer Weite eine ungeheure Anziehungskraft auf ihn ausübte.
›So ist das Leben‹, sagte er sich.
›Es zieht uns ins Dasein!‹
Etwas begann in ihm wie ein verzehrendes Feuer zu brennen.