Ich lausche dem Feuer des Herzens XXVII

OhneTitel

»Darf ich dich von deiner Betrachtung der wunderschönen Blume weglocken.«
Aloisius wandte den Blick zum Alten.
»Willst du mich aufs Neue mit deinen Gedankenspielen verführen.«
»Warum nicht, dient unser Gespräch durch nur einem Zweck, dich mit dem Wesen der Verführung in allen Facetten vertraut zu machen.
»Nur zu!«
»Der Geist ist willig, das Fleisch ist schwach. Du kennst sicher diese alte Redewendung?!«
»Gewiss. Macht sie doch deutlich, dass wir in unserem Kopf sehr oft klar haben, was zu tun wäre, es aber dann doch nicht tun, weil unser Fleisch schwach ist, wie es heißt.«
»Glaubst du dies wirklich?«
»Was?«
»Nun, dass der Körper den Geist hindern könnte, das Angemessene zu tun.«
»Müsstest du nicht sagen, das Gebotene zu tun?«
»Ich denke, du bist dabei, dir selbst die Antwort zu geben. Der Körper ist es kaum, der dich zum Handeln verführt. Nur in einem Ausnahmefall, in der deine Existenz selbst bedroht ist. In diesen Augenblicken deines Lebens wird er versuchen, dich durch eine Gefahr hindurchzuführen. Wenn du es zulässt, das heißt, dein Kopf sich nicht widersetzt und dem Körper andere Anweisungen gibt.«
Aloisius sah den Alten skeptisch an.
»Bisweilen habe ich beobachten können, wie viele Kinder nach der Maxime erzogen werden, sich in Verzicht zu üben. Dem Kind, das zum Beispiel mit seinen Eltern an einer Eisdiele vorbeikommt, und Lust nach einem Eis verspürt, wird dieses verwehrt. Es soll lernen, Verzicht als Stärke zu empfinden. Später wird es dann noch hören, dass dieser Verhalten gar einer höheren Sache dient und dem Ewigen gefällt.
»Tut es dies nicht?«
»Ich bin überzeugt, dass nicht. Wie könnte es dem Ewigen gefallen, konditionierte und willenlose Wesen vor sich zu haben? Ich will einmal so sagen: Verzicht ist keine Form des Maßhaltens. Viele Dinge sind nicht an sich schlecht oder gut, sondern werden erst durch ein falsches Maß zu dem, was sie sind.«
»Und darum sprachst du vorhin davon, dass ich dabei bin mein Maß zu finden. Bist du der Meinung, dass es kein für alle Menschen gültiges Maß gibt?«
»Ganz und gar nicht. Es mag einige Dinge geben, da ist das Maß für alle Menschen ziemlich gleich. Bei den wirklich für die Persönlichkeit wichtigen Dingen aber hat doch jeder sein Maß. Dafür seit ihr zu unterschiedlich. Das gilt es zu bedenken. Damit wären wir bei einer weiteren Facette der Verführung: Dem Postulat, es gäbe einen für alle und für alle Zeiten gültigen Verhaltenskodex, sozusagen als Garantie für ein glückliches Leben und gutes Zusammenleben aller Menschen.«
»Gibt es ihn nicht?«
»Vielleicht können wir uns auf einige Grundgebote einigen, aber die stehen, ohne sie im Grundsatz in Frage stellen zu wollen, oft genug in konkreten Situationen auf ganz wackeligem Boden. Das Verbot, jemanden zu töten, kann in besonderen Zeiten, die Frage nach dem Tyrannenmord nicht verhindern. Dann stellt sich die Frage: Ist es legitim jemanden zu töten, wenn viele Menschen unter ihm leiden oder gar das Leben verlieren? Schon der alte Meister hat darum gewusst und die Grundgebote neu ausgelegt, das heißt, in einem erweiterten Kontext betrachtet.«
»Dies leuchtet mir ein.«
»Ihr sprecht doch gerne davon, dass etwas die Ausnahme von einer Regel ist. Wogegen dann andere sich erheben und erklären, es könne keine Ausnahme geben, sonst wäre die Regel ihre Wirkung beraubt. Es darf nicht sein, was nicht sein darf. Wir sprachen bereits darüber. Wenn du also ein für dich angemessenes Maß findest und dabei niemanden schadest, dann sollte es Geltung haben, selbst wenn es den Grundgeboten widerspricht.«
»Welche Bedeutung haben dann die Grundgebote?«
»Sie sind eine wichtige Orientierungshilfe für vielen Situationen des Alltags. Wenn sie aber nicht greifen, dann müssen sie überdacht werden und zu Ausnahmeregelungen führen.«
»So wie der alte Meister am Sabbat geheilt hat, oder aus Hunger Ähren gerauft hat?«
»So ist es. Für Menschen in machtvollen Positionen, für die Hüter der Grundgebote gar, ist ein solches Verhalten menschlich verstehbar, kann aber unter keinen Umständen geduldet werden, weil es die vermeintlich Grundfesten in Frage stellt.«
»Diese Gefahr ist doch vorhanden.«
»Mag sein … aber nur dann, wenn der Handelnde nicht dem oben angesprochenen allgemeinen Grundsatz folgt: Handle so, dass dein Handeln keinem anderen schadet.«
»Wie soll dies möglich sein?«
»Du hast Recht. Im Grunde ist dies gar nicht möglich, weil zu leben auch immer heißt, auf Kosten anderer, so will ich es ausdrücken, zu leben. Was ich habe, kann jemand anderes nicht gleichzeitig besitzen. Hier greift die Mäßigung, nicht mehr haben zu wollen, als wirklich für den Tag notwendig ist. Daraus folgt eine andere Grundhaltung: Teilen statt Hamstern.«
»Letzteres spricht mich sehr an. Ich habe den Eindruck, viel Hunger und Leid ist eine Folge eines nicht gelungenen Teilungsprozesses.«
»Darum reicht es auch nicht, und die Verführung ist hier sehr groß, so zu denken, sich allein nach gültigen Grundgeboten zu halten. Jedes Verhalten birgt das Potential, jemandem Schaden zuzufügen. Achtsamkeit sich selbst und anderen gegenüber und Wachsamkeit für die inneren Zusammenhänge einer Situation können manchen Schaden verhindern, werden diesen aber nie ausschließen können. Die Verführung der Annahme, Grundgebote würde das Zusammenleben allumfassend regeln und regulieren ist irrig und das Insistieren darauf menschenverachtend.«
»Weil zu leben immer auch heißt, Fehler zu machen.«
»Ja und daraus folgt: Verhaltenskodizes gebären die Frage, wie mit denen umzugehen ist, dich sich nicht an diese halten. Strafe scheint bis heute ein probates Mittel zu sein, auch wenn längst klar geworden ist, dass nicht jede Strafe eine begangene Schuld sühnen kann.«
Aloisius musste tief durchatmen.
»Du schaffst es einmal wieder, mich ganz konfus zu machen. Mir platzt gleich der Kopf.«
»Verzeih mir. Ich bin nun selbst auf die geltende Meinung, die Dinge allein mit dem Verstand erfassen zu wollen, hereingefallen. Sie kommt, wie du mir deutlich zurückmeldest, an ihre Grenzen. Nimm das Gesagte als Anregung, später noch darüber nachzudenken. Mehr soll es nicht sein.«
Eine Weile saßen beide schweigend nebeneinander.

»Darf ich dich zu einer kleinen Körperübung einladen?«,
Aloisius nahm die Frage mit einem Nicken auf.
»Bei dieser Übung geht es darum, dass eigene Maß zu finden und zu halten. Stell dich mir gegenüber, so weit entfernt wie es für dich angenehm ist!«
Aloisius folgte der Anweisung des Alten. Er stand auf und stellte sich soweit von ihm entfernt hin, dass seine ausgestreckten Hände den Alten gerade hätten berühren können.
»Komm nun näher auf mich zu, sodass sich unsere Hände in Brusthöhe berühren können, ohne es wirklich zu tun!«
Zaghaft schritt Aloisius vor, hielt inne und wich zurück.
»Folge ruhig deinem Impuls, auch wenn er dich zurückschreiten lässt und sich damit meiner Anweisung widersetzt!«
Einige Augenblicke verharrte Aloisius in der rückwärts gewandten Bewegung, bevor er erneut nach vorne Schritt. Der Alte hielt ihm die ausgestreckten Handflächen entgegen. Sehr verhalten kam Aloisius ihm mit seinen Handflächen näher, bis sich beide berührten. Im Kontakt entlud sich all die angespannte Energie. Aloisius fuhr erschreckt zusammen und machte einen Ausfallschritt.
»Hab keine Angst!«, versuchte der Alte ihn zu beruhigen.
Aloisius sah in unentschlossen an. Der Alte nickte ihm zu.
Als sich bei Handflächen erneut berührten, konnte Aloisius die Wärme des Alten spüren. Sie hatte etwas Angenehmes.
»Nun versuche, mich wegzudrücken! Ich werde dir Widerstand leisten. Halte dagegen und spüre deine eigene Kraft.«
Kaum hatte Aloisius zu drücken begonnen, war ihm, als wiche der Alte widerstandslos zurück. Doch dann, ganz unerwartet, kam ihm eine Kraft entgegen, die in für einen Augenblick wanken ließ. Als er sich gefasst und wieder festen Stand gefunden hatte, erhöhte er seinerseits den Druck und hielt dagegen.
Einigen Minuten später lagen beide erschöpft am Boden.
»Was hast du gespürt, Aloisius?«
»Zunächst war ich irritiert, weil ich deine Kraft nicht spüren konnte. Darauf nahm ich mich selbst zurück. Aber dann kam mir eine derart gewaltige Kraft entgegen, dass sie mich fast umgehauen hätte. Ich brauchte eine Weile, bis ich mich gesammelt habe und dagegenhalten konnte. Nun bin ich völlig erschöpft.«
»Gibt es etwas, was dich überrascht hat?«
»Ich war überrascht über deine Kraft. Und …«
Aloisius stockte.
»Sprich es aus, es ist wichtig!«
»Ich war vor allem erstaunt über meine eigene Kraft. Nein, noch anders gesagt. Es hat sich wunderbar angefühlt, die eigene Kraft zu spüren. Wie gut, dass sich mein Kopf gerade nicht gemeldet hat.«
»Dein Kopf? Was willst du damit sagen?«
»Wenn mein Kopf sich zu Wort gemeldet hätte, hätte er mir wahrscheinlich von derlei kindischen Spielchen abgeraten. Das Messen von Kräften gehört doch in die Steinzeit?«
»Lieber Kopf, lass mich dir eines sagen. Du tust gut daran, nicht so negativ über das Messen von Kräften zu urteilen. Sie können wichtig für das Überleben sein. Außerdem, wie willst du Maß halten, wenn du nicht um deine eigenen Kräfte weißt. Kopf, reich mir deine Hand!«
Als Aloisius dem Alten die Hand reichte, drückte dieser fest zu. Er erwiderte seinerseits den Druck und konnte mit einem Mal spüren, wie sich etwas zwischen ihnen verband. Keiner hätte in diesem Augenblick die Kraft gehabt, beide von einander zu trennen.