Ich lausche dem Feuer des Herzens XXIX

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Beim Aufgang der Sonne brachen beide am nächsten Morgen auf. Der Himmel war verhangen. Dichte Wolkenbänder zogen an ihnen fast greifbar vorbei. Es hatte den Anschein, als verstecke die Sonne ihren Glanz hinter einem Dickicht aus Grau.
Wortlos zogen sie ihres Weges.
Aloisius war froh, den Gedankengänge des Alten vorerst entkommen zu können. Dennoch fragte er sich insgeheim, an welchen magischen Ort der Alte ihn heute führen würde.
Eine Zeitlang erwartete er hinter jeder Wegbiegung den ersehnten Ort, bis er das Warten verwarf und sich ganz der Umgebung, die sie durchstreiften, hingab. So zog er summend des Weges, freute sich an dem satten Grün der Vegetation, rief den über ihm kreisenden Geiern wirre Laute entgegen. Währenddessen nahm er kaum wahr, wie der Alte mit gewohnt raschen Schritten langsam aus seinem Blickfeld verschwand.
Es war schon nach Mittag, die Sonne hatte den Zenit überschritten, als vor Aloisius der Alte, auf einem übergroßen Stein vor ihm sitzend, auftauchte.
Mit einem Handzeichen gab der Alte ihm zu verstehen, dass er an eben diesem Ort Halt zu machen gedenke. Aloisius hielt bereitwillig und nahm die ihm entgegengehaltene Flasche Wasser entgegen. Schluck für Schluck genoss er das lauwarme Nass.
»Lass dir Zeit, Aloisius. Wir sind für heute am Ende unseres Marsches. Wenn du zu Kräften gekommen bist, werde ich dich mit der Magie dieses Ortes vertraut machen.«
Verwundert sah Aloisius den Alten an. Er hatte die Ankündigung während der letzten Stunden längst vergessen, hinter sich gelassen, ganz in die Natur um ihn herum eingetaucht und eins mit ihr geworden. Bisweilen verlangsamte er seinen Schritt, blieb stehen, lauschte und begann sich den Bäumen und Sträuchern gleich im Wind zu wiegen.
»Nur zu, lass mich hören!«
Aloisius drängende Worte ließen den Alten aufhorchen.
»Gib zu, mein Lieber, du hattest völlig aus dem Blick verloren, dass ich dich heute an einen weiteren besonderen Ort führen wollte. Nicht wahr?«
Verlegen wich Aloisius dem Blick des Alten aus und nickte zögerlich.
»Lass es gut sein. Ich freue mich, zu sehen, wie du in das Sein eintauchst. Ich habe Zeit, mich drängt niemand. Und wenn du dich entschlossen hättest, irgendwo als Baum wurzeln zu schlagen, ich hätte auf dich gewartet. Du gibst Zeit und Tempo unserer Wanderung vor. Ich bin lediglich der Kompass, der dich führt.«
»Und darum enteilst du mir regelmäßig mit einem Affenzahn. Entschuldige, mir fällt gerade nichts Besseres ein.«
»Ich will es als Kompliment gelten lassen. Im Übrigen bedenke, nur wenn du weite Phasen dieser Reise alleine zurücklegst, kannst du dein eigenes Tempo finden und nur so kannst du die Erfahrungen machen, die für dich wertvoll sind.«
»Juan, nun spann mich nicht länger auf die Folter! Weise mich ein in die Magie des Ortes.«
Wortlos nickte der Alte und machte einen Ausfallschritt. Jetzt erkannte Aloisius auf dem Stein, auf dem der Alte die ganze Zeit gesessen hatte, Einkerbungen.
»Tritt näher!«, lud der Alte ihn ein.
»Was siehst du?«
Aloisius konzentrierte sich.
»Hier hat jemand offensichtlich etwas in den Felsen geritzt. Mehr lässt sich nicht sagen. Es muss sehr lange her sein, den die Witterung hat das ihre dazu beigetragen, dass es für mich kaum möglich ist, etwas zu erkennen.«
»Nimm einen deiner Finger und wandere mit ihm den Linien, Vertiefungen nach!«
Aloisius folgte der Anweisung des Alten. Intuitiv schloss er dabei die Augen. Eine der Linien kehrte nach einer Weile zu ihrem Ausgangspunkt zurück. Nicht ganz, wie er bei seiner zweiten Runde feststellen musste. Am Ende schien diese kreisähnliche Form in zwei weiteren Linien fortzulaufen und zu enden. Kleinere Linien konnte er auf einer Seite des Ovals ausmachen, auf der anderen Seite jedoch nicht. Im Inneren des Ovals ertastete eine kleine kreisrunde Mulde und eine dreieckige Vertiefung.
Als Aloisius neugierig die Augen wieder öffnete, sah er schon mehr.
»Was dies Bild darstellt, soll erst einmal in den Hintergrund treten. Zunächst möchte ich hervorheben: Dieses Steinbild ist sehr alt. Aber ist so gut erhalten, dass wir heute noch ausreichend viel erkennen können.«
»Offenbar, gab es Menschen, die früher gerne an diesen Ort gekommen sind.«
»Sieh dich um! Dann wirst du verstehen warum.«
Aloisius wandte den Blick einmal um die eigene Achse. Dabei fiel ihm erst jetzt die Besonderheit dieses Ortes auf. Der Ort befand sich am Ende eines Anstieges und gab zu allen Seiten den Blick in die weite Ferne frei. Ein Schauder durchzog Aloisius und ein leichtes Zittern ging durch seinen Körper.
»Kannst du die Energie spüren, die von diesem Ort ausgeht?«, wollte der Alte wissen.
»Ich kann sie spüren.«
»Kann ich davon ausgehen, dass du solchen Felsenzeichnungen bislang bestenfalls lexikalisches Interesse entgegengebracht hast.
»Ich gebe es ungern zu, aber so ist es.«
»Die Menschen in den alten Zeiten, lange bevor die Religion zu einem Instrument der Macht wurde, haben sich und ihr Sein ganz der Existenz ihrer verschiedenen Gottheiten anvertraut. Es gab kaum einen Bereich im Leben, dem nicht eine Gottheit zugeordnet werden konnte. Bis zu jenem Tag, als gewisse Stammesreligionen von dem einen Gott zu sprechen begannen. Um die Autorität ihrer Aussage zu untermauern, hieß es, der eine Gott habe sich ihren Stammesvätern offenbart. Dies war der Anfang einer Epoche, in der alle alten Kultstätte, die Ausdruck einer lebendigen Göttervielfalt gewesen waren, zerstört und deren Anhänger verfolgt wurden. Hier in diesem Land, durch das wir seit Wochen wandern, sollte es noch bis zur Entdeckung und Eroberung mit dem Niedergang jener alten Kultur dauern. So waren es die vermeintlichen Anhänger jenes großen Meisters, die mit ihren Feuerwaffen über das weite Meer kamen und das Land mit ihrer Gier nach dem Gold überzogen. Sie machten vor nichts halt und schreckten auch vor Folter und Mord nicht zurück, um an die verborgenen Schätze zu kommen.«
»Ich habe davon gehört. Es soll sogar einen See geben, den man in den zurückliegenden Jahrhunderten trocken legen wollte, weil man auf seinem Grund einen großen Schatz vermutet. Zum Glück ist es bis heute nicht dazu gekommen.«
»Du sagst es. Lass uns noch eine Weile nur die Energie dieses Ortes erfahren! Stell dich auf diesen Felsen. Werde eins mit diesem Ort! Spüre, ohne zu denken!«