Ches Mütze II

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Er stand bereits eine viertel Stunde auf dem Gehsteig, als das Taxi vorfuhr. Er griff zum Rucksack und wollte einsteigen. Mit einem Mal wurden ihm die Beine bleischwer. Einen Augenblick des Zögerns. Im Schnelldurchlauf, wie in einem Film rasten die letzten Wochen, Monaten und Jahre an ihm vorüber. Stocken.
Mit einem Ruck, dass der Fahrer sich verwundert zu ihm wandte, riss er die Wagentür auf und tauchte in eine andere Wirklichkeit ab. Wie benommen ließ er sich auf dem Rücksitz fallen.
Sein Blick zurückgewandt suchte den Bürgersteig ab. Dort, wo er gerade noch wie angewurzelt gestanden hatte, war nichts zu sehen. Und doch war ihm, als ob er etwas zurückgelassen hatte.
Wie zum Abschied schnellte seine Hand zu einem letzten Gruß nach oben, während der Fahrer sogleich die Fahrt zum Flughafen aufnahm.
Die Fahrt über vollzog sich in ihm sich in ihm ein Wandel.

Alles hinter mir zu lassen. Im Grunde war dies nichts für mich. Ich war kein Mann für große Veränderungen, darum auch keiner der schnellen Entscheidungen. Dachte ich, bis vor kurzem.
Veränderungen haben für mich etwas Suspektes und die wenigen impulsiven Ausbrüche in meinem zurückliegenden Leben, haben mir stets den Eindruck vermittelt, dass es besser sei, sogleich wieder in gewohnte Fahrwasser zurückzunavigieren.
Ich sitze im Taxi. Mein Rucksack, den ich das letzte Mal bei meiner Interrail-Tour vor unzähligen Jahren in Gebrauch hatte und der aus purer Sentimentalität nicht schon längst auf den Sperrmüll gelandet war, liegt gut verstaut im Kofferraum. Er hat einen jener damals üblichen Alugestelle, auf dem sich mittels eines Gurtes Zelt, Schlafsack und Isomatte geschickt auf eine sehr ausgeklügelte Weise festzurren ließen. Damals war er der letzte Schrei und mein ganzer Stolz. Heute hingegen wirkt er antik. Sein ehemals knalliges Rot ist längst verblichen. Neben mir auf der Rückbank liegt ein nagelneuer Rucksack, eine handliche Version, mit der ich kaum Gefahr laufe, aufzufallen, trefflich für Tagestouren geeignet.
Noch immer kann ich nicht glauben, was ich mir vorgenommen habe. Mein Chef hat wirklich verdutzt angeschaut. Bevor er jedoch Protest erheben konnte, war ich schon verschwunden. Mein Handy hatte ich, um lästige Anrufe zu vermeiden, gut sichtbar auf meinem Büroschreibtisch zurückgelassen.
Ich bin bereit. Für einige Zeit werde ich alles hinter mir lassen, für niemanden erreichbar sein und keinem über meine Absichten Rechenschaft ablegen müssen.
‚Ungewöhnlich‘, denke ich.
Der Taxifahrer, der mein Kopfschütteln im Rückspiegel gesehen hat, zeigt sich irritiert.
„Sie wollen wirklich zum Flughafen?“
„Ganz recht.“
„Wie der Herr wünschen.“
Mein Körper fühlt sich eigentümlich leicht an. Gleichzeitig habe ich ein flaues Gefühl im Magen. Ich bin im Begriff jene Reise zu machen, zu der ich vor vielen Jahren hatte aufbrechen wollen.
Nun ist es soweit und ich spüre die gleiche unbändige Erwartung wie damals, als ich in einer Studentenkneipe schon reichlich angetrunken mit meinem besten Freund Siegfried über die jüngsten Entwicklungen der Weltpolitik debattierte. Noch gut kann ich mich an seinen herausfordernden Blick erinnern. Damals fehlte es mir an Mut, den spontanen Entschluss in die Tat umzusetzen. ‚Reden kann jeder, aber handeln nur wenige.‘ Durch diese Äußerung ließ ich mich zu jener vollmundigen Absichtserklärung hinweisen, die ich schon vergessen haben sollte, als ich schweren Schrittes wenig später in die frische Abendluft trat.
Was treibt mich gerade an? Komme ich in die Jahre? Will ich aus dem Alltag heraustreten? Sicherlich hat es andere Augenblicke in meinem Leben gegeben, wo dies durchaus angebrachter gewesen wäre. Als meine Frau mich damals verließ, oder besser gesagt aus meinem Leben verschwand, hätte ich um sie kämpfen sollen. Meine Bereitschaft wirklich etwas zu verändern, war jedoch so unzureichend ausgeprägt, dass meine Frau jede Erklärung meinerseits sogleich als fadenscheinig durchschaut hätte.
Etwas ist anders, sage ich mir, als das Taxi am Flughafen vorfährt. Ich zahle, nehme den Rucksack entgegen, danke, verabschiede mich und bleibe auf dem Bürgersteig stehen, während das Taxi einen neuen Fahrgast aufnimmt und wieder abfährt.
Was ist anders? Oder was lässt mich so sicher sein, dass ich nun zu etwas bereit bin, was ich lange in meinem Leben gescheut habe, konsequent zu sein?
Abrupt drehe ich mich um, schultere das antike Teil, greife mein Handgepäck und betrete das Flughafengebäude. Der Schalter meiner Fluglinie ist bald ausgemacht. Ich bin froh, nicht allzu lange warten zu müssen. Bald schon kann ich am Schalter meinen Pass vorlegen. Nachdenklich schaue ich meinem alten Gefährten nach, als dieser auf dem Förderband wegtransportiert wird.
„Nun ist es amtlich. Ich muss, ob ich will oder nicht, meinem Rucksack hinterher.“
„So ist es, mein Herr. Gute Reise!“
Ich nicke zustimmend.

Gedankenverloren sehe ich aus dem Fenster. Die Dämmerung hatte eingesetzt. Unter mir kann ich hier und da vereinzelte Lichter erkennen. Die Nacht ist angebrochen, die Weite des Ozeans noch nicht erreicht.
Um mir die Zeit etwas zu vertreiben, greife ich zu einem Buch. Ich habe es neben einem Reiseführer und einer anderen Biographie kurz vor er Abreise gekauft. Ein wenig Lektüre kann mich auf das einstimmen, was mich in meiner Phantasie voraussichtlich erwarten wird, denke ich, während ich zu Blättern beginne.
Ein schwarz-weiß Foto weckt mein Interesse. Ich muss genauer hinschauen. Die Aufnahme zeigt ein Wandbild. Ein übergroßer Kopf eines bärtigen, lachenden Mannes. Teile des gemalten Gesichts sind samt Putz vom Mauerwerk abgebröckelt. Neben dem Kopf steht noch gut lesbar: Che. No porque hayas caida. Tu luz es menos alta…* Wandbild von Che an der Universität von La Paz war im Untertitel zu lesen. Vage Erinnerungsfetzen an die Stundenzeit stellten sich ein. Diskussionen über den Kommonisten Che, den Befreiungskämpfer Che, den 67 erschossenen Che. Lange nicht enden wollende Diskussionen, mit erhitztem Gemüt in verrauchten Studentenkneipen – und jenen Abend mit Siegfried. Wenn ich da bin, werde ich ihm gleich schreiben. Nur einen Satz: ‚Ich habe mich auf den Weg gemacht. Wirst du auch kommen?‘

*„Che, weil du gefallen bist, ist dein Licht nicht weniger groß.“