Ches Mütze XXXII

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Unruhig erwache ich und sehe mich um. Che, Fidel und Tamara bleiben verschwunden. Vermutlich sind sie auf ihrem großen Feldzug zu Befreiung der Kakerlaken einfach weitergezogen und bereiten den Ausbruch aus diesem Kerker vor. Ich gebe zu, dass ich ihnen dabei nicht helfen kann.
Mir wird wehmütig ums Herz. Ein guter Schluck bei Paul wäre jetzt nicht schlecht. Ich habe eine trockene Kehle. Einen Augenblick überlege ich, dass Wachpersonal um einen Schluck Wasser zu bitten, verwerfe den Gedanken jedoch schnell wieder. Ich möchte keine unnötigen Konversationen führen. Außerdem ist abgestandenes Wasser kein Ersatz für meinen Durst auf einen gut gekühlten Sauvignon blanc.
Seit meinem Aufbruch vor gut zehn Tagen wandern meine Gedanken zum ersten Mal in meine Lieblingskneipe. Paul begrüßt mich herzlich. Ohne eine Antwort auf sein Wie immer? abzuwarten, greift er zu einem über der Theke hängenden Weinglas. Er reicht mir eine Probe der frisch geöffneten Flasche. Ich sauge das fruchtige Aroma in mich auf und probiere. Ein Nicken meinerseits und Paul schenkt ein.
Unbemerkt hat Pacho meine Zelle betreten. Fragend sieht er mich an.
„Du bist wohl ganz woanders!?“
„Ich war gerade in meiner Stammkneipe bei einem köstlichen Sauvignon blanc.“
„Du Armer, damit kann ich leider nicht dienen. Aber vielleicht kann ich dich auf andere Weise aufheitern. Das Gespräch mit der ältesten Bewohnerin unseres Dorfes hat interessante Neuigkeiten ergeben. Zunächst hat sie das umlaufende Gerücht  bestätigen können, aber dann …“
Pacho macht eine vielsagende Pause.
„ Ich hab ihr einige alte Schwarzweißaufnahmen gezeigt, die ich bei meinem Vater gefunden habe. Ohne weitere Fragen, ist es förmlich aus ihr herausgesprudelt. Offensichtlich hat sie es genossen, einen Zuhörer für die alten Geschichten gefunden zu haben. Am Ende war sie nicht mehr zu bremsen. Ich habe ihr versprechen müssen, bald schon wieder zu kommen.“
Pacho kann seine Aufregung nicht verbergen.
„Schau her!“
Er hält mir ein an den Ecken abgestoßenes und eingeknicktes Foto entgegen.
„Das könnte der Schlüssel für die entscheidende Wende im Fall deiner Anklage sein.“
„Anklage? Noch bin ich nicht angeklagt. Also bleib auch du bei den Fakten. Indizien nichts als Indizien trägt der hyperaktive Glatzkopf zusammen.“
„Lass gut sein und schau dir das Foto an!“
Pacho reicht mir das Foto. Es ist leicht unscharf, dennoch kann ich drei Personen deutlich erkennen, zwei Herren und eine Frau.
Ungeduldig reißt Pacho mir das Foto sogleich wieder aus der Hand.
„Sieh hier! Du kannst meinen Vater als jungen Mann vielleicht erkennen. Die Frau in der Mitte ist die damals von vielen umschwärmte Flor Isabel, meine Mutter. Beim anderen Herrn handelt es ich um einen alten Freund meines Vaters, Hector. Und jetzt halt dich fest! Er lebt noch.“
„Was soll das Ganze, kannst du etwas klarer werden?“
„Hector war vor meinem Vater bereits verlobt mit meiner Mutter. Das war kurz bevor sie und mein Vater sich eines Tages bei einem Tanzfest näher kamen. Das Foto ist an jenem Abend entstanden. Wenn du genau hinsiehst, wird dir auffallen, dass mein Vater bis über beide Ohren strahlt. Meine Mutter genießt es, im Mittelpunkt zu stehen, während Hector ein ziemlich betretenes Gesicht macht.“
„Willst du damit andeuten, dass dieser Hector hinter der Ermordung deines Vaters steckt, er die geheimnisvolle Person war, die Che verraten hat und nun deinen Vater kaltblütig umgebracht hat?“
„Langsam! Ein mögliches Motiv könnte mit der alten Geschichte eines um seines Glücks Betrogenen verbunden sein. Der entscheidende Puzzlestein fehlt uns noch. Du weißt, wir brauchen handfeste Beweise und keine weiteren Indizien. Ich habe die geschwätzige Alte dazu bewegen können, vorerst Stillschweigen über unser Gespräch zu bewahren. Am Funkeln ihrer Augen und ihrem dahingeraunten Wusste ich es doch! habe ich erkennen können, dass wir die gleiche Schlussfolgerungen gezogen haben. Wir müssen den ahnungslosen Hector überraschen. Noch soll er sich in Sicherheit wiegen.“
„Warum nicht gleich dem Glatzköpfigen von deinen neuen Erkenntnissen berichten. Ich halte keine Nacht länger hier aus. Selbst meine Zellenkumpanen Che, Fidel und Tamara sind stiften gegangen.“
Pacho schüttelt bei der Erwähnung der Namen den Kopf, geht aber nicht weiter darauf ein.
„Ich werde ihn gleich morgen früh überraschen. Ich habe die Alte gebeten mich zu begleiten, um ein unverfängliches Gespräch über alte Fotos zu entfachen. Ich hoffe er verrät sich unbeabsichtigt und dies gleich unter Zeugen.“
Meine Freude über die Neuigkeiten hält sich angesichts der Aussicht auf eine weitere Nacht in diesem Verließ in Grenzen.
„Du wirst sehen, schon Morgen bist du wieder ein freier Mann.“
Er umarmt mich zum Abschied und tritt aus dem vom Licht des Ganges fahl beleuchten Zelle. Ein Blick auf meine Uhr bestätigt mein inneres Zeitgefühl. Bald wird der Milde mit dem Abendfraß auftauchen. Ich schließe die Augen. In Gedanken sehe ich die mattblauen Leuchtziffern über mir aufleuchten. Endstation lese ich, drücke die Tür auf und trete ein.

Zu meiner Verwunderung erblicke ich den auf einem Barhocker an der Theke sitzenden Che.
„Ich hab uns eine Flasche von deinem Lieblingstropfen kaltstellen lassen. Auf Paul ist Verlass. Ich wusste das du kommen wirst.“
Er reicht mir ein Glas. Wortlos stoßen wir an.
„Na, habe ich dir zu viel versprochen? Die ersehnte Wende steht kurz bevor?“
„Woher…?“
Che unterbricht mich.
„Lass uns nicht wieder über Realitäten und Illusionen sprechen!“
Ich lenke ein.
„Hast du nichts Besseres zu tun, als mich ständig heimzusuchen?“
Che lächelt Paul verschwörerisch zu.
„Steckt ihr auch noch unter einer Decke? Ich glaub es nicht.“
Paul winkt ab.
„Alles nur zu deinem Besten. Du wirst sehen, am Ende ist nicht alles gut, vielleicht aber einiges besser.“
„Mir wäre lieber der alte Álvaro würde noch leben und ich…“
Ein schriller Aufschrei lässt mich auffahren.
„Paul mir reicht’s.“
„Was?“
Fragend sehe ich ihn an.
„Lass das Gefasel über alte Zeiten.“
„Wovon redest du?“
Irritiert schaue ich mich um. Von Che ist weit und breit nichts zu sehen.
„Wie immer!“, sage ich betont lässig und nehme an der Theke Platz.