Ches Mütze XXXIV

cropped-ches-mucc88tze-ii.jpg

Es muss gegen Mittag sein, als der Glatzköpfige grinsend vor meiner Zelle auftaucht.
„Es ist soweit. Sie sind ab jetzt wieder ein freier Mann. Entschuldigen Sie nochmals unser Vorgehen. Sie haben uns sehr geholfen, den wahren Täter zu überführen.“
„Bedauerlich, wo ich mich gerade an Ihre Gesellschaft gewöhnt habe.“
„Sie sind jederzeit herzlich zu einem Kaffee eingeladen. Und wenn wir Ihnen anderweitig behilflich sein können, lassen Sie es uns wissen. Wir stehen in Ihrer Schuld.“
Der Glatzköpfige öffnet die Zelle.
„Kommen Sie! Pacho wartet bereits auf Sie.“
Ich schaue mich nochmals um.
„Wenn es Ihnen irgend an einem Nachtlager fehlen sollte …“
„Danke. Sie werden Verständnis dafür haben, dass ich vorläufig nicht darauf zurückkommen werde. Ich will nun erst einmal meine wiedergewonnene Freiheit genießen.“
„Sie haben mein vollste Verständnis.“

Als ich Pacho vor der Polizei vor seinem Wagen erblicke, fallen wir uns vor Erleichterung in die Arme.
„Ich bin so froh, dass der Spuk ein Ende hat.“
„Frag mich. Die letzten Stunden waren nochmals aufregend. Komm, lass uns erst einmal nach Hause fahren. Bei einem guten Gläschen will ich dir von den letzten Ereignissen berichten.“

„Nun erzähl schon“, fordere ich Pacho auf, als wir auf der Veranda Platz genommen haben und uns zuprosten.
„Wie geplant habe ich heute Morgen Hector unter dem Vorwand alte Fotos meines Vaters anschauen zu wollen zu mir nach Hause gelockt. Aus lauter Neugier ist er meiner Vorschlag nachgekommen. Er saß dort, wo du jetzt sitzt. Die alte Nachbarin, Marta Luz heißt sie übrigens, kam rein zufällig vorbei und gesellte sich zu uns.“
„Rein zufällig, sieh an!?“
„Wir haben eine ganze Weile über alte Zeiten gesprochen, uns die eine und andere unverfängliche Geschichte erzählt. Erst als Hector sein anfängliches Misstrauen verloren hatte, griff ich zu besagter Aufnahme und zeigte sie ihm. Ich fragte ahnungslos, wer die Frau da zwischen ihm und meinem Vater sei. Er tat zunächst so, als habe er die Frage nicht gehört. Ich musste sie wiederholen. Hector wurde kreidebleich, sprang auf und wollte sich davonmachen. Ich hielt ihn am Arm fest und bat ihn sich nochmals hinzusetzen. Widerwillig folgte er meiner Bitte. In den folgenden Minuten verlor er mehr und mehr seine Fassung. Als er erneut zur Flucht ansetze, verließen der Glatzköpfige und Milde ihre Deckung und stellten sich ihm in den Weg. Nun brach er völlig zusammen. Er legte noch an gleicher Stelle ein Geständnis ab.“
„Dann hattest du also Recht mit deiner Hypothese des um sein Glück gebrachten Verlobten.“
„So ist es. Im Grunde ist Hector ein feiner Kerl und war in meiner Kindheit eine wichtige Vertrauensperson. Er war da, wenn mein Vater gerade nicht greifbar war. Die Entwicklungen eines Lebens können grausam sein und uns zu grausamen Taten nötigen.“
„Du willst doch nicht wirklich Verständnis für den Mörder deines Vaters aufbringen. Mir geht derlei völlig ab. Schließlich verdanke ich ihm Tage, die ich besser ganz schnell vergessen möchte. Außerdem hat er mich um die weitere Gesellschaft deines Vaters gebracht.“
„Ich habe kein Verständnis. Ich bin hier großgeworden. Wir sind alle irgendwie miteinander verbunden. Nichts von dem, was sich hier tagtäglich ereignet, ist vergleichbar mit dem anonymen Stadtleben. Entweder man ist Teil davon, oder man beschließt zu gehen. Dies habe ich zum Glück frühzeitig erkannt. Alles hier ist wie in einem Mikrokosmos. Das eigene Leben ist und bleibt auf alle Zeiten mit dem der anderen schicksalhaft verbunden. Die klaren Grenzen für Recht und Unrecht verschwimmen hier. Die Köpfe sind und bleiben auch am nächsten Tag die gleichen und man lernt sich zu arrangieren. Das Wissen um diese Lebensumstände mag sich für dich wie Verständnis angehört haben.“
„Es tut mir leid, ich wollte dir nicht nahetreten. Jetzt verstehe ich besser, warum du auf mich bei unserer ersten Begegnung so kühl und gefühllos gewirkt hast.“
„Du bist nicht der erste, der mir dies vorhält. Weißt du, wie man die von hier die Weggegangenen nennt?“
Weggegangene?“
„Man nennt uns seelenlose Pflastersteine.“
„Und was will man damit zum Ausdruck bringen? Seelenlos versteh ich, aber warum seelenlose Pflastersteine.“
„Man sagt uns nach, dass unsere Seelen durch das Leben in der Stadt versteinern. Hector war es, der einmal zu mir sagte: Das Leben hier ist dreckig, schmutzig und stinkt, aber darum so ehrlich und unverblümt. Es hinterlässt Spuren, die wir ein Leben lang mit uns herumschleppen. Sie haften uns wie Feuermale an. Keine Kosmetik kann sie retuschieren …“
Pacho sinkt mit einem Mal in sich zusammen.
„Was ist mit dir?!“
Einige Male holt Pacho tief Luft, dann richtet er sich auf. Wie die Schwingen eines Vogels breitet er seine Arme aus und führt sie zur Brust. Einen Augenblick verharrt er so, bevor sein Blick plötzlich von einem seltsamen Leuchten erfasst wird.
„Unter den aktuellen furchtbaren Umständen entwickeln Hectors Worte eine für mich fast beängstigende Wirkung … Erstaunlich, dass er mir bei der Vorgeschichte überhaupt nahe kommen und mir so vertraut werden konnte.“

Für Minuten schweigen wir. Es ist Pacho, der das Schweigen bricht.
„Es ist fast so, als habe ich in den letzten Tagen zwei Väter verloren. Der eine ist ermordet und der andere hat sich selbst vom Thron gestoßen.“
Innerlich berührt von seinen Worten nicke ich zaghaft.
Was treibt uns letztlich voran, frage ich mich, als ich gedankenverloren zwei Jungen beim Fußballspiel beobachte. Sie gehen voller Leidenschaft zu Werke. Irgendwann tritt der eine den anderen so kräftig gegen das Schienbein, dass dieser schmerzverzerrt aufschreit. Wie weit dürfen wir in der Auswahl unserer Mittel gehen?, frage ich mich, als beide Jungen schon längst wieder jauchzend ihr Spiel aufgenommen haben.
Die Menschen hier sind wirklich anders, denke ich. Keine seelenlosen Pflastersteine, teilen aus, stecken ein und lassen nicht ab von einander.