
Gottesdienst zum Ehejubiläum
Ev. Kirche Kappeln
16. Juni 2024
Am Abend dieses Tages sagte er zu ihnen: Wir wollen ans andere Ufer hinüberfahren.
Sie schickten die Leute fort und fuhren mit ihm in dem Boot, in dem er saß, weg; einige andere Boote begleiteten ihn.
Plötzlich erhob sich ein heftiger Wirbelsturm, und die Wellen schlugen in das Boot, sodass es sich mit Wasser zu füllen begann.
Er aber lag hinten im Boot auf einem Kissen und schlief. Sie weckten ihn und riefen:
Meister, kümmert es dich nicht, dass wir zugrunde gehen?
Da stand er auf, drohte dem Wind und sagte zu dem See: Schweig, sei still! Und der Wind legte sich, und es trat völlige Stille ein.
Er sagte zu ihnen: Warum habt ihr solche Angst? Habt ihr noch keinen Glauben? Da ergriff sie große Furcht, und sie sagten zueinander: Was ist das für ein Mensch, dass ihm sogar der Wind und der See gehorchen? Markus 4,35-41
Liebe Jubilare,
Liebe Gemeinde,
die Ehe, wem sage ich das, hat auch ihre stürmischen Zeiten. Was wie eine schöne Bootsfahrt beginnt, gestaltet sich plötzlich und unerwartet ganz anders. Eben noch haben wir unsere Fahrt bei Sonnenschein und wohlgestimmt aufgenommen und unerwartet verfinstert sich der Himmel der Zweisamkeit. Dies gilt im Übrigen, auch, darum wissen wir, in allen Beziehungen und Kontakten unseres Lebens.
Biblische Geschichten, die uns Menschen heute wunderlich anmuten mögen, Geschichten, die auch im Märchenbuch aus „Tausend und eine Nacht“ stehen könnten, verbergen meist eine tiefere Wahrheit. Ihr sich zuzuwenden lohnt sich allemal.
Schauen wir darum heute genauer hin, wenn wir uns nun nochmals dem Evangelium von der „Stellung des Sturmes“ zuwenden.
Gegen Abend macht sich Jesus im Boot nochmals auf den Weg. Irgendwo am See Genezareth hat er den Tag mit ihnen verbracht und möchte nun wieder zurück ans andere Ufer. Dort will man sich in gewohnter Umgebung zur Nachtruhe niederlegen.
Alle besteigen ein Boot und machen sich zur Überfahrt bereit. Die See liegt ruhig vor ihnen. Die Dämmerung hat eingesetzt, aber noch kann man das Ufer der anderen Seite deutlich in der Ferne ausmachen.
Die Rollen bei der Überfahrt sind verteilt. Es ist klar, wer welche Verantwortung trägt und was er zu tun hat. Schon oft ist man so unterwegs gewesen. Man vertraut einander und hat keinen Grund, etwas Arges zu denken.
Die Stimmung ist entspannt. Alle spüren nach einem langen Tag, wie die Müdigkeit sie langsam erfasst. Nur noch eine Weile und dann wird man das Nachtmahl halten und sich dann zur wohlverdienten Ruhe niederlegen.
Dann passiert etwas, was wir alle kennen. Jesus, dem bei der Überfahrt keine verantwortungsvolle Rolle zukommt, fallen die Augen zu. Er fällt in einen tiefen Schlaf und bekommt von dem, was sich dann ereignet zunächst nichts mit. Wer von uns ist auf dem Beifahrersitz nicht schon einmal eingenickt. Deutlich vor Augen haben wir unsere Kinder, wenn sie auf Rückfahrten nach Hause schon mal ein Nickerchen eingelegt haben. Wer so sein kann, hat großes Vertrauen. Wenn uns dies selbst widerfährt, dann nur weil wir davon ausgehen, dass jene, die Verantwortung tragen, uns sicher und wohlbehalten ans Ziel bringen werden.
Es kommt jedoch anders. Plötzlich zieht ein Sturm auf. Die Wellen schlagen immer heftiger an das Boot. Immer wieder schwappen einzelne Wogen über den Bootsrand hinein. Die Jünger erfasst Sorge, die sich von Minuten zu Minuten zu Angst steigert, je mehr sich das Boot mit Wasser füllt. Erst jetzt merken sie, dass Jesus seelenruhig auf einem Kissen schläft.
Entsetzt darüber wecken sie ihn auf. Sie müssen ihn anschreien, damit er sie überhaupt versteht. So laut ist es geworden. Der Wind peitscht über sie hinweg. Panik hat sie mittlerweile ergriffen. Das Boot droht, jeden Moment zu kentern.
„Wie kann es sein, dass du dich arglos niedergelegt hast und schläfst?“, fahren die Jünger Jesus an.
Er jedoch kann nicht so recht verstehen, was los ist. In den Augen der Jünger sieht er blankes Entsetzen. Ihre Stimmen überschlagen sich.
„Meister, kümmert es dich nicht, dass wir zugrunde gehen?“, erklären sie kleinlaut.
Da erhebt Jesus sich, droht dem Wind und sagt zu der tosenden See: „Schweig, sei still!“.
Der Wind legt sich, und es tritt eine völlige Stille ein. Es ist kaum auszumachen, was in diesem Augenblick schlimmer ist: die eben noch wütende See oder diese hereinbrechende Stille.
„Warum habt ihr solche Angst? Habt ihr noch keinen Glauben?“, fragt er sie verwundert.
Ganz ehrlich: Ich liebe diese Geschichte. Sie kommt aus einer fernen Welt und ist uns im Kern, worum es geht so vertraut.
Wenn wir miteinander in die Jahre kommen, dann ist so vieles am anderen vertraut. So vertraut, dass wir uns darauf verlassen können. Was könnte uns und unserer Zweisamkeit etwas anhaben? Unvorstellbar scheint es, dass wir nicht wieder sicher ans andere Ufer kommen. Zu oft haben wir diesen Weg miteinander beschritten. Wir sind ein gut aufeinander abgestimmtes Paar.
Und doch: Plötzlich und unerwartet kommt alles anders. Ein Sturm zieht auf. Wir geraten in eine Situation, die uns im wahrsten Sinne des Wortes überfordert. Wo sonst pures Vertrauen war, erfassen uns Sorgen und Ängste. Wir wissen nicht mehr ein noch aus. Wir schauen auf den anderen.
„Wie kannst du so ruhig und gelassen sein?“, fragen wir mit bebender Stimme, die fast bricht.
Verwunderte Augen schauen uns an.
„Was meinst du?“, hören wir zurück.
Weiter muss ich die Situation nicht ausmalen. Sie haben sie sicher auch schon zahllose Male erlebt.
Betrieben von unseren eigenen Ängsten und Befürchtungen ist es plötzlich nicht mehr weit hin mit unserem Vertrauen. Wir beginnen, zu zweifeln. So weit ist es mit uns gekommen, denken wir und können die Welt um uns herum nicht verstehen.
Sorgen und Ängste gehören zum Leben. Auch die tiefsten Gefühle füreinander ändern daran nichts. Was für den einen nicht nachzuvollziehen ist, wird für die andere zur Herausforderung.
Vielleicht haben Sie alle von Ihrer Hochzeit noch jene Wort vom Apostels Paulus im Ohr: „Die Liebe erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie duldet alles.“ 1. Kor. 13,7
Müssen wir uns Gedanken wie die Jünger machen, wenn plötzlich mal der Sturm über uns hereinbricht, wir vielleicht zu recht oder grundlos von Sorgen und Ängsten erfüllt sind? Wir Fragen stellen weil schlechte Erfahrungen unser Misstrauen wecken?
Haben wir nicht auch schon in ratlose Gesichter geschaut, weil unser Gegenüber wirklich nicht versteht, was wir gerade im Kopf hin und her bewegen – wohlgemerkt, wirkliche Gründe für Sorgen und Ängste kann und möchte ich hier nicht in Frage stellen.
Es geht vielmehr um Momente einer Zweisamkeit, wo in uns das Vertrauen für Bruchteile von Augenblicken zurücktritt und anderes übermächtig scheint, wie die Sturmfluten auf einer sonst ruhigen und vertrauten Überfahrt.
Was brauchen wir in solchen Augenblicken? Ein Gegenüber, dass unsere Sorgen und Ängste ernst nimmt und uns gleichzeitig zurückführt zu dem, was zwischen uns und ihr oder ihm wirklich zählt: Vertrauen.
Sich auch nach vielen Jahren anvertrauen zu können, bedingungslos und doch mit manchmal grundlosen scheinenden Sorgen und Ängsten, dies ist ein Geschenk.
In einem Choral heißt es darum so treffend:
„Vertraut den neuen Wegen, auf die der Herr uns weist, weil Leben heißt: sich regen, weil Leben wandern heißt. Seit leuchtend Gottes Bogen am hohen Himmel stand, sind Menschen ausgezogen in das gelobte Land.“ EG 379,1
Darum lasst unser Vertrauen ineinander in jenem Vertrauen gründen, dass Gott in uns durch seine Liebe schenkt und bleibend gewährt! Amen.
