
Predigt zum 4. Sonntag nach Trinitatis
Evangelisch-Lutherische Epiphanias-Gemeinde
Guatemala, 2. Juli 2023
Pfr. Thomas Reppich
Liebe Gemeinde,
jedes Mal, wenn ich zum ersten mal den Text des vorgeschlagenen Predigttextes des nächsten Sonntages lese, schaue ich mir zunächst den Kontext an.
Dies tat ich auch dieses Mal. So begann ich dieses Mal im 3. Kapitel des Petrusbriefes die ersten Verse zu lesen und stockte bereits bei dem Ersten:
Desgleichen sollt ihr Frauen euch euren Männern unterordnen.
(1. Petrus 3,1 – Luther 2017)
Natürlich kannte ich jene von manchen Männern immer noch gern zitierte Stelle, mit der sich ungebrochen ihre Vormachtstellung gegenüber den Frauen dokumentieren wollen.
Ich war unangenehm berührt. Die Worte wirkten beim Weiterlesen weiter. Am Ende legte sich über den eigentlich für heute vorgeschlagenen Predigttext wie ein Nebel, der mich zum Text gar nicht mehr durchdringen ließ.
So beschloss ich über die ersten Verse des 3. Kapitels aus dem Petrusbrief zu predigen. Nur wie?
Ich schaute in andere Übersetzungen und las:
- Nun zu euch Frauen: Ordnet euch euren Männern unter. (NGÜ)
- Ebenso sollt ihr Ehefrauen euch euren Ehemännern unterordnen. (Neues Leben)
- Ebenso ihr Frauen, ordnet euch den eigenen Männern unter. (Elberfelder Übersetzung)
In allen Übersetzungen ist von Unterordnung die Rede. Kann Unterordnung zu einem Grundprinzip für christliches Verhalten ausgerufen werden? Soll es gar das Verhältnis von Mann und Frau definieren?
Einen Augenblick sann ich darüber nach, zu einem anderen für den Sonntag vorgeschlagene Texte zu greifen.
Dann erinnerte ich mich an die Äußerung einer Frau vor Jahren beim Bibelkreis: „Als die Bibel geschrieben wurde, waren ausschließlich Männer am Werke. Frauen hätten manches nicht über sich selbst sagen können.“
Ich nickte innerlich, war damit aber kein Stück weitergekommen. Dann beschloss ich, die Übersetzung in gerechter Sprache aufzuschlagen und dort nachzusehen, zu welchen Worten Frauen gegriffen haben.
Hören wir einfach hin:
1 Ebenso sollen die Frauen, die den eigenen Männern unterworfen sind, ihre Situation verstehen: auch diejenigen Männer, die von Worten nicht überzeugt werden, können ohne Worte gewonnen werden durch den Lebenswandel der Frauen, 2 dann nämlich, wenn sie euch beobachten, die ihr ein ehrfürchtiges und heiliges Leben führt. 3 Ihr sollt euch nicht äußerlich schmücken, etwa mit Haargeflechten, Goldschmuck oder Bekleidung, 4 sondern das Menschsein, das im Herzen verborgen liegt, unvergänglich, weil es aus einer freundlichen und ruhigen Haltung heraus kommt, das ist für Gott kostbar. 5 So nämlich schmückten sich auch einst die heiligen Frauen. Sie hofften auf Gott, waren aber ihren eigenen Männern unterworfen. 6 So gehorchte Sara Abraham und nannte ihn ›Herr‹. Ihre Töchter seid ihr geworden. Tut das, was erwartet wird, und fürchtet keine Einschüchterung!7 So versteht auch ihr Männer das Zusammenleben mit euren Frauen: Wenn ihr verständnisvoll mit einer Frau, einem Menschen von schwächerer Gestalt, zusammenlebt und ihr mit Respekt begegnet als einer Person, für die die lebendige Zuwendung Gottes auch bestimmt ist, werdet ihr beten können, ohne dass ihr euch gestört fühlt.8 Schließlich bitte ich euch: lebt einträchtig, mitfühlend, geschwisterlich und mit weitem Herzen.
Wie wohltuend anders sind diese Zeilen. Immer noch ist davon die Rede, dass Frauen den Männern unterworfen sein könnten. Die im Text angelegte Form der Unterdrückung soll nicht einfach „weggebügelt“ werden. Sie bleibt als solche entlarvend für die damalige und manchmal noch heutige Zeit bestehen.
Und doch weht ein anderer Geist durch die Zeilen. Da ist von Zusammenleben von Mann und Frau die Rede. Was jede und jeder zu tun hat, oder aus freien Stücken tun könnte, hat ein deutliches Ziel: Zusammenleben.
Da ist kein Raum mehr für ein Oben oder Unten. Kein Platz für Dominanz. Die möglicherweise schwächere Gestalt einer Frau wird angesprochen, dient aber nicht mehr zu Begründung für eine Unterordnung. Mehr noch sollen die Männer den Frauen grundsätzlich mit Respekt begegnen.
Trotz eines wohltuend anderen Sprachgebrauches bleibt auch in der Übersetzung der Bibel in gerechter Sprache jener dominante Blick der Männer aus dem 1. Jahrhundert erhalten. Manche Forscher sehen bis heute in vielen Stellen der Bibel die Absicht der Männer widergespiegelt, aus der über viele Jahrhunderte währenden Dominanz der Frauen hervorzutreten.
Seit einigen Jahrzehnten üben sich Mann und Frau in Gleichberechtigung. Keiner will dominanter erscheinen. In Beziehungen sollen Aufgaben gleich verteilt sein. Lange übliche Rollenmuster werden über Bord geworfen. Frau macht Karriere, während Mann sich um Familien und Haushalt kümmert.
In manchen Beratungs- und Seelsorgegesprächen saßen Paare, die stolz von Gleichberechtigung und Chancengleichheit sprachen und gleichzeitig in der Zwickmühle standen, weil ihnen mehr und mehr bewusst wurde, dass Leben auch heißt Entscheidungen zu treffen. Was sich anfangs gut und befreiend anfühlte, wurde mehr und mehr zur Belastung. Viele Hüte, die man gerne aufgezogen hätte, konnten nicht gleichzeitig getragen werden. Entweder oder, alles gleichzeitig, dass wurde ihnen bewusst, war einfach nicht möglich. Am Ende stand in den Gesprächen häufig eine Frage im Fokus: Müssen wir unser Glück davon abhängig machen, dass wir alle potentiellen Möglichkeiten schon aus Gründen der Gleichberechtigung ausleben? Ist es – unabhängig von alten Rollenvorstellungen – nicht an der Zeit, sich zu entscheiden und sich damit gleichzeitig zu bescheiden, d.h. zu verzichten?
Am Ende des heutigen Predigttextes lese ich:
„Lebt einträchtig, mitfühlend, geschwisterlich und mit weitem Herzen.“
Hier steht nichts davon, dass man als Mann nur glücklich sein kann, wenn man wie früher der Ernährer der Familie ist. Hier steht aber auch nicht, dass die Frau nur ihrer Bestimmung nachkommt, wenn sie sich um die Erziehung der Kinder kümmert und auf die eigene Karriere verzichtet.
„Wir haben am Ende für uns erkannt,“ erklärte einmal ein Ehepaar übereinstimmend, „dass die Frage wer arbeiten geht und wer sich um die Kinder kümmert im Grunde sekundär ist. Wir haben beide lange geglaubt, dass es wichtig ist, dass beide arbeiten gehen und die Aufgaben in Familie und Haushalt gleich verteilt sind. Eines Tages, haben wir uns fragend angeschaut, weil es nur noch um das Verrechnen von Minuten ging, oder wer den letzten Hausputz gemacht hat.“
Stattdessen hatte das Paar es geschafft, wieder andere Dinge in den Vordergrund treten zu lassen: Gemeinsame Ziele, Empathie mit den Stärken und Schwächen der/des anderen, Gefühle voller Zuneigung und Liebe, die durch kleine Rituale des Alltags gepflegt wurden.
Erich Fried hat passend zu unserem heutigen Thema ein Gedicht mit dem Titel „Dich“ geschrieben.
Dich
dich sein lassen
ganz dich
Sehen
dass du nur du bist
wenn du alles bist
was du bist
das Zarte
und das Wilde
das was sich losreißen
und das was sich anschmiegen will
Wer nur die Hälfte liebt
der liebt dich nicht halb
sondern gar nicht
der will dich zurechtschneiden
amputieren
verstümmeln
Dich dich sein lassen
ob das schwer oder leicht ist?
Es kommt nicht darauf an mit wieviel
Vorbedacht und Verstand
sondern mit wieviel Liebe und mit wieviel
offener Sehnsucht nach allem –
nach allem
was du ist
Nach der Wärme
und nach der Kälte
nach der Güte
und nach dem Starrsinn
nach deinem Willen
und deinem Unwillen
nach jeder deiner Gebärden
nach deiner Ungebärdigkeit
Unstetigkeit
Stetigkeit
Dann
ist dieses
dich dich sein lassen
vielleicht
gar nicht so schwer.
Wenn Gott eine jede und einen jeden Ich sein lässt, dann sollte es nicht schwer fallen, ein Du Du sein zu lassen. Amen.
