
13
„Wie hast du geschlafen?“
Tanja begrüßte Zahra mit einem Lächeln.
„Nicht besonders. Ich brauchte lange zum Einschlafen und gegen Morgen hatte ich einen sehr seltsamen Traum.“
„Erinnerst du dich?“
„Ich war im Krankenhaus.“
„Im Krankenhaus? Was ist passiert?“
„Ich habe ein Kind bekommen. Eine Tochter. Clemens war auch dabei. Er war gerührt und sehr stolz, als er sie zum ersten Mal in den Händen gehalten hat. Alles fühlte sich so real an.“
„Oh, oh. Also doch eine Tochter. Und wie hast du dich gefühlt?“
„Irgendwie seltsam und fremd. Etwas in mir sagte mir ganz deutlich: Dies ist nicht dein Kind.“
„Hast du die Geburt auch miterlebt?“
„Nein. Das ist es ja. Clemens und ich waren vorher auf einem Besuch bei Freunden. Und plötzlich hatte ich ein Kind im Arm.“
„Träume können sehr merkwürdig sein. Was denkst du, will dein Unterbewusstsein dir durch diesen Traum sagen?“
„Ich weiß es ehrlich gesagt nicht“
„Vielleicht möchte etwas in dir doch Mutter werden.“
„Aber nicht so. Mit Clemens ein Kind zu bekommen, dies könnte ich mir irgendwann vorstellen. Aber auch nicht jetzt.“
„Du musst ihm doch nicht sagen, dass das Kind nicht von ihm ist.“
„Auf keinen Fall. Mit so einer Lüge könnte ich nicht leben.“
„Aber bei der Entscheidung zur Abtreibung ziehst du wohl in Betracht, ihn nicht mit einzubeziehen?“
„Das ist doch etwas anderes. Nicht wir werden Eltern.“
„Aber ihr seid zusammen. Ich würde wissen wollen, wenn mein Partner mit einer anderen ein Kind erwartet.“
Zahra nickte.
„Sicher, ich würde es auch wissen wollen. Aber damit beginnt doch das ganze Chaos.“
„Ich denke, das „Chaos“, wie du sagst, hat in jener Nacht begonnen, oder noch früher.“
„Aber all dies zu verheimlichen wäre nicht so schwer. Nur ich müsste damit klarkommen. Und wenn Clemens und ich erst einmal ein eigenes Kind bekommen haben, dann wird all dies keine Rolle mehr spielen.“
„Ich wusste gar nicht wie konservativ du bist.“
„Konservativ? Was ist daran konservativ, dass ich ein Geheimnis für mich behalten will?“
„Ich meine nicht den Umstand, dass du etwas verschweigen würdest. Es geht darum, dass du nicht in Betracht ziehst, dass viele Elternteile um dich herum längst genau dies tun. Sie ziehen Kinder groß und sind für sie verantwortlich, obwohl sie nicht ihre leiblichen Kinder sind. Man kann Vater oder Mutter auch ohne Genetik sein.“
„Ich kann mir dies nicht vorstellen. Ein gemeinsames Kind ist doch Ausdruck einer tiefen Verbundenheit.“
„Sag ich doch. Du hast sehr konservative Ansichten und hängst einem Traumbild von Familie nach, dass es heute so nicht mehr gibt.“
„Willst du mir einreden, dass es keinen Unterschied macht, ob man ein gemeinsames Kind hat, oder ob man nur …“
„Nur was? Kinder wünschen sich doch präsente Eltern. Sie wollen geliebt werden. Dabei kann die Genetik ganz schön im Wege stehen.“
„Deshalb hast du dich auch so leichtfertig von Paul scheiden lassen. Für mich käme dies überhaupt nicht in Betracht. In guten wie in schlechten Tagen.“
„So sagt man. Ich finde es wichtiger, dass Kinder nicht ständig in irgendwelche Paarkonflikte hineingezogen werden, oder Eltern so sehr mit sich und ihrem Leben beschäftigt sind, dass für ihre Kinder kein Raum bleibt.“
„Du hast ja recht. Und trotzdem.“
Clemens durchstreifte eine Weile das dichte Unterholz von Pinien. Das dornige Gestrüpp erschwerte das Fortkommen. Als er schließlich seinen Weg auf einem Trampelpfad fortsetzen konnte, hatte er jede Orientierung verloren. Früher hätte ihn dieser Umstand sogleich in Unruhe versetzt. Er war erstaunt, wie gelassen er blieb.
Von einen kleinen Aussichtspunkt konnte er in der Ferne das Meer ausmachen. Die Sonne stand hoch am Himmel und er bedauerte seine Kappe im Auto vergessen zu haben. Hätte er sich von den Worten Miriams nicht so provozieren lassen, und daraufhin fluchtartig aufgebrochen, er hätte sicher daran gedacht, sie einzustecken.
An der nächsten Weggabelung entschied er sich, umzukehren. Erstaunlicherweise führte ihn dieser Weg schon nach kurzer Zeit zum Haus der Stille zurück. Der Wagen stand nun in der prallen Sonne. Er öffnete alle Türen und fand in der Nähe einen schattigen Ort. Dort wollte er auf Miriam warten. Er schloss die Augen und lief sogleich in einen Dämmerschlaf.
Miriams Stimme schrecke ihn irgendwann auf.
„Es ist ganz schön heiß geworden. Ich glaube mir täte etwas Abkühlung gleich ganz gut.“
„Wie Sie wünschen.“
Clemens war selbst verwundert über seine kühle fast abweisende Antwort.
„Bist du sauer wegen vorhin?“
Er zog vor, zu schweigen.
„Jetzt schmoll nicht! Wir kennen uns noch nicht so gut. Ich dachte, du könntest mit meinen ironischen Bemerkungen anders umgehen.“
„Ist schon gut. Wie war dein Yoga-Kurs?“
„Der Lehrer ist super. Manche Kursteilnehmerinnen waren in meinen Augen etwas überdreht. Ihre ständigen Rückfragen haben mich gestört. Ich wollte einfach nur in Ruhe den Anweisungen folgen und die Übungen machen können. Nun fühle ich mich innerlich eher aufgedreht.“
„Hast du keine Verabredung heute Abend?“
„Darum haben schon die anderen bei ihrem Guru geworben.“
Sie machte eine Pause und schaute ihn durchdringend an.
„Merkst du was?“
Clemens schüttelte den Kopf.
„Du kannst auch ganz schön austeilen. Damit sind wir quitt.“
Er konnte nicht anders, als seine Zustimmung mit einem Schmunzeln zu bekunden.
„Hast du nun eine Verabredung heute Abend?“
Miriam sah ihn vielsagend an.
„Ich bin mir noch nicht sicher, ob der alte Herr von gestern es nochmals mit so einer jungen Göre aushält.“
„Ich denke schon. Aber erst einmal habe ich ein Loch im Magen. Eine kulinarische Kleinigkeit wäre jetzt gerade das richtige. Und danach eine kleine Siesta.“
„Reicht die Zeit noch für mich, vorher kurz ins Wasser zu hüpfen?“
„Du fragst mich? Was ist auf einmal mit dir los?“
„Ich kann auch anders.“
