
14
„Was sagst du zum Klimawandel?“
Clemens überlegte einen Augenblick. Diese Frage überraschte ihn.
„Es ist ein erstzunehmendes Thema?“
„Ach wirklich? Und warum habt ihr in den letzten 30 Jahren soviel Energie darauf verwendet, dieses erstzunehmende Thema, wie du selbst sagst, in Frage zu stellen? Warum ist so wenig geschehen und jetzt, wo die Jugend euch auf die Füße tritt, zeigt ihr euch etwas einsichtiger, aber im Grunde geht es euch zu schnell?“
„Ich bin nicht ihr“, protestierte Clemens. „Ich fahre sicher nicht den ökologisch nachhaltigsten Wagen, dafür ist er zu alt. Aber es gibt andere Bereiche, da achte ich schon darauf, was ich mache.“
„Kennst du die drei Affen?“
„Was meinst du? Du stellst gerade seltsame Fragen. Nicht, dass ich mich einem Gespräch über ein so wichtiges Thema unsere Zeit entziehen möchte.“
„Du weichst aus. Wie die drei Affen. Nichts sehen, nichts hören, nichts sagen.“
„Was soll das?“
„Die drei Affen kennst du aber schon?“
„Wer kennt sie nicht?“
„Meist betrachtet man nur einen von ihnen und überlegt, wem man von den Dreien selbst am nächsten kommt? Dies ist jedoch völlig egal. Entscheidend ist die Achse des Bösen.“
„Du verwirrst mich immer mehr. Ich kann dir nicht folgen.“
„Worin bist du groß? Was kannst du besonders gut? Nicht reden, nicht hören, oder nicht sehen?“
„Ich weiß nicht. Am ehesten könnte ich auf das Reden verzichten.“
„Dachte ich es mir doch. In deiner Generation hat man sich daran gewöhnt über die Dinge einfach nicht mehr zu sprechen. Wenn man über den Klimawandel nicht spricht, existiert er irgendwann nicht mehr. Ist es nicht so?“
„Ganz und gar nicht.“
„Und wenn doch jemand redet, stellt man sich taub.“
„Was bezweckst du gerade mit diesem Unsinn?“
„Du nennst den Klimawandel also Unsinn?“
„Das habe ich doch nicht gesagt.“
„Aber wenn aus der Einsicht über das Gehörte kein Handeln folgt, ist es doch so, als ob man nicht gehört hätte. Hörst du deiner Frau auch nicht zu?“
„Jetzt reicht es aber. Ich finde unser Gespräch sehr abwegig.“
„Was bringt dich gerade so auf?“
„Mich ärgert, dass ich mit dir ein angenehmen Abend verbringen wollte. Und jetzt …“
„Und jetzt was?“
„Du erinnerst mich an meine Frau, die mich ständig provoziert.“
„Dazu gehören immer zwei. Du bist es doch, der sich provozieren lässt.“
„Muss du eigentlich immer das letzte Worte haben?“
„Das hasst du an deiner Frau.“
Clemens sah Miriam an und schüttelte den Kopf.
„Es ist unglaublich. Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich denken, all dies habe ich schon einmal erlebt. Vor langer Zeit.“
„Mit deiner Frau?“
Clemens nickte.
„Glaubst du an das Schicksal?“
„Du meinst, ob unsere Begegnung vorher bestimmt war?“
„Stellst du dich gerade taub?“
„Jetzt bist du es, die mir ausweicht. Warum kannst du nicht einfach Ja oder Nein sagen?“ Ich denke, es gibt einfach Themen und Fragen, da gibt es keine einfachen Antworten.“
„Wie das Thema Klimawandel.“
„Genau.“
„Gerade weil dieses Thema so existentiell ist, müssen wir alle unsere Verantwortung sehr ernst nehmen. Jede und jeder von uns muss alles tun, was in ihrer oder seiner Macht liegt. Kannst du mir zustimmen?“
„Gewähre mit heute Abend eine kleine Auszeit. Bitte. Meine persönliche Beziehungskrise nimmt mich gerade voll in Beschlag. Und ich bin hier, um etwas klarer zu sehen.“
„Du weichst wieder aus. Suchst nach Begründungen und Ausreden. Ich höre: Jetzt gerade nicht! Du hättest Jesus damals auch einen Korb gegeben.“
„Jesus? Willst du mich völlig konfus machen?“
„Du wärst wohl einer von jenen, die ihm sagen würden: Ich finde deine Sache total wichtig. Sprich mich nächsten Monat nochmals darauf an, denn gerade habe ich wirklich keine Zeit. Was soviel heißt: Lass mich in Ruhe mit deinem Reich Gottes. Es gibt sicher andere, die du ansprechen kannst und die nichts besseres zu tun haben. Wenn ein Haus brennt, dann muss es doch gelöscht werden?“
„Natürlich, was denkst du? Aber es wird immer Eltern geben, die sich gerade um ihr schreiendes Kind kümmern. Sollen diese, dann einfach davoneilen und ihr schreiendes Kind zurücklassen?“
„Willst du mir damit sagen, dass sich seit Jahrzehnten alle Menschen ständig um ihre schreienden Kinder kümmern müssen und darum keine Zeit haben, gegen den Klimawandel zu kämpfen? Der Strand war vorhin voll mit Menschen, die einfach nur in der Sonne lagen, sich im Meer vergnügt haben. Ich habe keine schreienden Kinder gehört.“
„Diese Art der Diskussion führt uns nicht weiter. Ich leugne doch nicht die Notwendigkeit von Veränderungen im täglichen Leben. Mein Engagement geht sicher nicht so weit, mich auf irgendeine Straße zu kleben Ich kann die Motive der letzen Generation durchaus verstehen. Gehörst du auch dazu? Hast du dich auch schon irgendwo auf die Straße festgeklebt?“
„Ich komme gerade aus Untersuchungshaft.“
„Was?“
„Nein. Ich habe darüber nachgedacht, dort mitzumachen, dann hab ich mich doch dagegen entschieden. Straßen zu blockieren, die Rettungswagen nicht mehr passieren lassen, ist keine Begleiterscheinung, die man einfach in Kauf nehmen kann. So kommen andere zu Schaden.“
„Der Zweck heiligt nicht die Mittel. Willst du das sagen?“
„So ist es. Aber deine Generation spricht glaube ich von Kollateralschäden. Man ächtet Streubomben, wendet sie aber dann doch an, weil besagte Folgen unvermeidlich zu sein scheinen. Im Grunde ist der Kollateralschaden Klimawandel einfach hinzunehmen. Wer will sich schon in Verzicht üben. Zur Wahrung liebgewonnener Gewohnheiten und Privilegien wird dieser einfach billigend in Kauf genommen. Und da alle so vorgehen, kann auch niemand in Haftung genommen werden.“
„Mir gefallen deine Pauschalierungen nicht. Ich bin nicht <die Generation welche>. Und ich gehöre auch nicht zu jenen, die Kollateralschäden für unabdingbar halten. Aber können wir uns für heute darauf einigen, das Thema zu wechseln? Wir können er gerne ein anderes Mal aufgreifen.“
„Worüber möchte der Herr sprechen? Fußball?“
