Ohne festen Wohnsitz

Predigt zum 5. Sonntag nach Trinitatis

La Epifanía – Guatemala-Stadt

9. Juli  2023

Pfr. Thomas Reppich

Johannes 1

35 Am nächsten Tag stand Johannes abermals da und zwei seiner Jünger; 36 und als er Jesus vorübergehen sah, sprach er: Siehe, das ist Gottes Lamm!

37 Und die zwei Jünger hörten ihn reden und folgten Jesus nach.

38 Jesus aber wandte sich um und sah sie nachfolgen und sprach zu ihnen: Was sucht ihr? Sie aber sprachen zu ihm: Rabbi – das heißt übersetzt: Meister –, wo wirst du bleiben?

39 Er sprach zu ihnen: Kommt und seht! Sie kamen und sahen’s und blieben diesen Tag bei ihm. Es war aber um die zehnte Stunde.

40 Einer von den zweien, die Johannes gehört hatten und Jesus nachgefolgt waren, war Andreas, der Bruder des Simon Petrus.

41 Der findet zuerst seinen Bruder Simon und spricht zu ihm: Wir haben den Messias gefunden, das heißt übersetzt: der Gesalbte.

42 Und er führte ihn zu Jesus. Als Jesus ihn sah, sprach er: Du bist Simon, der Sohn des Johannes; du sollst Kephas heißen, das heißt übersetzt: Fels.

43 Am nächsten Tag wollte Jesus nach Galiläa ziehen und findet Philippus und spricht zu ihm: Folge mir nach!

44 Philippus aber war aus Betsaida, der Stadt des Andreas und des Petrus.

45 Philippus findet Nathanael und spricht zu ihm: Wir haben den gefunden, von dem Mose im Gesetz und die Propheten geschrieben haben, Jesus, Josefs Sohn, aus Nazareth.

46 Und Nathanael sprach zu ihm: Was kann aus Nazareth Gutes kommen! Philippus spricht zu ihm: Komm und sieh!

47 Jesus sah Nathanael kommen und sagt von ihm: Siehe, ein rechter Israelit, in dem kein Falsch ist.

48 Nathanael spricht zu ihm: Woher kennst du mich? Jesus antwortete und sprach zu ihm: Bevor Philippus dich rief, als du unter dem Feigenbaum warst, habe ich dich gesehen.

49 Nathanael antwortete ihm: Rabbi, du bist Gottes Sohn, du bist der König von Israel!

50 Jesus antwortete und sprach zu ihm: Du glaubst, weil ich dir gesagt habe, dass ich dich gesehen habe unter dem Feigenbaum. Du wirst noch Größeres sehen als das.

51 Und er spricht zu ihm: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ihr werdet den Himmel offen sehen und die Engel Gottes hinauf- und herabfahren über dem Menschensohn.

Liebe Gemeinde,

„Am Anfang war das Wort.“ (Joh 1,1) So beginnt das Johannesevangelium. Johannes legt zunächst allgemeine Grundzüge seiner Theologie dar. Dann geht er kurz auf Johannes den Täufer, den Vorboten Jesu, ein. Dieser, der selbst eine Jüngerschaft um sich hat, erzählt ihnen, dass Jesus, der angekündigte Messias, in der Gegend ist. 

Schon am nächsten Tag, so heißt es, kommt Jesus vorbei. Johannes wiederholt sein Bekenntnis zu Jesus. Jetzt spricht er davon, dass er das Lamm Gottes ist. 

Zwei Jünger, die bei Johannes sind und dies hören, eilen Jesus sogleich nach. Sie sind noch skeptisch und sprechen ihn mit „Meister“ an. Sie wollen erst noch sehen, was es auf sich hat mit diesem Jesus aus Nazareth. „Wo wirst du bleiben?“, fragen sie ihn.

Jesus nimmt sie zu sich mit nach Hause, oder dorthin, wo er gerade eine Herberge für die nächste Nacht gefunden hat. Worüber Jesus mit ihnen dort spricht wird nicht erwähnt. Vielleicht will Johannes auch nur davon berichten, wer Jesus am Anfang gefolgt ist. Ihm reicht die allgemeine Angabe, dass Jesus der Messias ist. Dieses Bekenntnis  des Johannes scheint für seine Jünger ausreichend zu sein, um sich dem Mann aus Nazareth, von wo normalerweise nichts Gutes kommen kann, nachzufolgen. Im Grunde genommen folgen sie einem ihnen Unbekannten.

Ist dies nicht Grundlage, jemanden vorher gut kennengelernt zu haben, um ihm später auch folgen zu können?

Diese Frage tauchte auch bei uns gleich zu Beginn des Predigtvorgesprächs am Montagabend auf. Eine so weitreichende Entscheidung treffen zu können, wird immer davon abhängen, ob uns der, der uns auffordert, ihm zu folgen, überzeugen kann.  Darum ist so entscheidend, was Jesus zu sagen hat. Einfach einem Unbekannten zu folgen, weil jemand anderes uns gesagt hat, dass diese Person eine besondere Persönlichkeit ist, reicht nicht aus. 

Markant an dem Bericht des Evangelisten Johannes ist jedoch, dass er genau dies ist. Immer neue Jünger finden zu Jesus, weil andere ihnen von ihm berichtet haben. 

Vielleicht ist das ein wichtiger Punkt, den wir festhalten können: Nachfolge beginnt damit, dass ich dem Zeugnis anderer folge und mich ansprechen lasse. Zeugnis abzulegen über das, woran wir glauben, ist die Grundlage dafür, dass die frohe Botschaft auch andere Menschen erreicht. Gott vertraut bis heute auf diese Kette der Zeuginnen und Zeugen. Dies ist eine große Verantwortung für uns.

Kommen wir zu einem anderen Punkt, über den wir im Predigtvorgespräch eine Weile gesprochen haben: Der Umstand, dass die Jünger alles zurücklassen, wirft Fragen auf. Waren sie nicht berufstätig, d.h. hatten sie überhaupt Zeit? 

Oder ist doch eher an einer geistige Gefolgschaft gedacht?Diese kann im Leben auch eine Wendung um 180° sein, jedoch muss damit nicht einhergehen, alles, Beruf, Familie, soziale Kontakte hinter sich zu lassen.

Vielleicht steckt auch hinter der Frage der Jünger „Wo wirst du bleiben?“ jene Unsicherheit, die sie verspüren. Muss ich wirklich alles zurücklassen, oder kann ich auch dort wo ich bin, Jesus nachfolgen? 

Auch wenn Johannes nicht darauf eingeht, wo Jesus die Jünger hinführt, so wird aus dem Zeugnis der anderen Evangelien klar: Nachfolge hieß damals wirklich, alles hinter sich zu lassen. Nachfolge hieß Wanderschaft. Jesu Jüngerinnen und Jünger hatten damals keinen festen Wohnsitz, wie wir sagen würden.

Ohne festen Wohnsitz geht heute gar nichts mehr. Männer und Frauen ohne einen festen Wohnsitz werden von uns eher bemitleidet. Sie stehen außerhalb des gesellschaftlichen Lebens. Wir betrachten sie vorschnell als gescheiterte Existenzen, weil keinen Wohnsitz zu haben einher geht mit keine Arbeit zu haben, für sich selbst nicht sorgen zu können und auf die Almosen der anderen angewiesen zu sein. Dass durch verschiedenste Umstände selbst in reichen Ländern ehemalige Manager auf der Parkbank oder unter einer Brücke landen, zeigt jedoch, dass dies so nicht mehr gesagt werden kann.

Einem Wanderprediger würde heute wahrscheinlich keiner so leicht folgen. Zu groß wäre das Risiko. Wer ist schon bereit, seinen festen Wohnsitz, seine Existenz aufzugeben? Für die meisten von uns wäre dies äußerst dumm.

Gehen wir jedoch noch einmal dem Gedanken der geistigen Gefolgschaft nach. Wenn wir zustimmen würden, dass sie auch mit festem Wohnsitz möglich ist, was würde sie ausmachen?

Unser Glauben, so können wir pointiert sagen, hat keinen festen Wohnsitz. Er ist nicht an etwas irdisches gebunden. Er zeigt sich zwar in  irdischen Zusammenhängen, geht aber nicht in ihnen auf. Oder anders gesagt: Unser fester Wohnsitz ist ein geistlicher, spiritueller. 

Wer seinen festen spirituellen Ort gefunden hat, der kann hier im Leben mutige Entscheidungen treffen. 

Sie/Er muss nicht festhalten an Macht oder Geld. 

Sie/Er muss Einfluss und gesellschaftliche Stellung wichtigen Erkenntnissen unterordnen. 

Sie/Er kann Wege jenseits von allen irdischen Sicherheiten gehen. 

Sie/Er kann mit Kritik und Anfeindungen gelassen umgehen, weil sie/er nichts verlieren kann, aber in dem was sie/er mit anderen tut, alles gewinnen kann. 

Manche, so könnte man kritisch anmerken, sind in ihrer Nachfolge zu sehr im Irdischen verfangen, zu sehr damit beschäftigt das Richtige zu tun, dass sie ihre spirituelle Quelle vergessen.

Im Zeugnis des Evangelisten Johannes lässt er eingangs die Jünger bekennen: Jesus ist der Meister, der Messias, das Lamm Gottes. Was dies heißt, wird am Ende des heutigen Predigttextes deutlich. Damit geht er deutlich hinaus über das, was die kundige Bibelleserin und der kundige Bibelleser damit verbinden könnte. 

Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ihr werdet den Himmel offen sehen und die Engel Gottes hinauf- und herabfahren über dem Menschensohn.“ 

Die Jünger – wie wir heute – wollen Sicherheiten. Sie sind erst einmal skeptisch Jesus gegenüber. 

Sie fragen: Was machst du? 

Wo wohnst du? 

Was kannst du dein Eigen nennen? 

Jesus geht aber nicht darauf ein. Er spricht stattdessen von einem weit geöffneten Himmel, von Engeln, die hinauf- und herabsteigen.

„Wer mit nachfolgt“, sagt Jesus, „der wird den Himmel weit geöffnet sehen.“

„Wer mir nachfolgt, der wird, den Engeln gleich, hinauf zur Quelle allen Lebens steigen und gestärkt wieder herabsteigen.“

„Wer mir nachfolgt, der wird sich nicht länger um irdische Macht, Geld und Einfluss sorgen müssen.“

„Wer mir nachfolgt, der wird das Leben mit anderen feiern und alles dafür tun, dass sich keiner ausgeschlossen fühlen muss.“

„Wer mir nachfolgt, der wird die heiligen Stätten unseres Glaubens wieder zu dem werden lassen, zu dem sie bestimmt sind: zu Orten der Einkehr, Buße und Quelle für den Alltag.“

„Wer mir nachfolgt, der wird Stück um Stück in die tieferen Zusammenhänge des Seins eingeführt werden, wird erfahren, was uns trägt und erhält.“

„Wer mir nachfolgt, der wird erfassen, dass Glaube, Hoffnung und Liebe wichtige und tragende Säulen unseres irdischen Lebens sind.“

„Wer mir nachfolgt, wird erleben, welche Kraft die Liebe zwischen uns entfachen kann und wie sie selbst die dunkelsten Ecken unseres Lebens erhellen wird.“

Wir bitten Gott: Lass uns Seite an Seite dem Weg Jesu folgen und erfahren, wie reich uns das Leben beschenkt. Amen.